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Einleitung
Die Leistungen eines Hauses sind nicht die Leistungen des Direktors, sondern aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es ist daher sinnvoll, den Jahresbericht in Teamarbeit zu erstellen und auf diese Weise eine breitere Sicht der Leistungen des vergangenen Jahres einzubringen. Zudem ist nach mehr als 20 Jahresberichten, an denen ich bisher (mit)arbeitete, die Gefahr von Routine nicht von der Hand zu weisen. Aus diesen Gründen liegt die Erstellung dieses Berichtes ab heuer bei einem Redaktionsteam, das sowohl die inhaltliche als auch die formale Weiterentwicklung der traditionsreichen Jahresberichte des Oö. Landesarchivs übernimmt.
Dessen ungeachtet bleibt es Aufgabe des Direktors, mit einleitenden Bemerkungen den Blickwinkel vorzugeben, unter dem die Beiträge gesehen und gelesen werden sollten. Dieser ist - einmal mehr - das Staunen über den ungeheuren Wandel weiter Bereiche unseres Tätigkeits- und Aufgabengebietes, der sich offenbar unaufhaltsam immer weiter fortsetzt. Schien noch vor wenigen Jahren die Entwicklung der Digitaltechnik der eigentliche Motor dabei zu sein, so gehen die Veränderungen inzwischen wesentlich tiefer. Während etwa die Beschleunigung jeglicher Kommunikation ein primär technisches Phänomen bleibt, ist die gleichzeitige Rationalisierung und Strukturierung der Arbeitsabläufe einer output-orientierten Unternehmensphilosophie geschuldet, der Wandel der Benutzerinnen und Benutzer von geduldeten Dilettanten zur umworbenen Kundschaft ein gesellschaftliches, teilweise durch neue Rechtsnormen vorangetriebenes Phänomen. Noch deutlicher als vor einigen Jahren* wird heute, dass die Technik keineswegs primäres Element, sondern nur Mittel zur Metamorphose der Archive ist. Es wird noch eine Weile dauern, bis alle Konsequenzen dieser Entwicklungen erkennbar sind, und nochmals einige Zeit, bis alle notwendigen und gewünschten Anpassungen durchgeführt werden können.
Beinahe erstaunlich, jedenfalls aber beruhigend ist, dass in dieser Situation auch noch 'ganz normale' Archivarbeit geleistet werden kann. Da wir hier wieder nur über erfolgreich abgeschlossene Vorhaben und Projekte zu berichten, ist der vorliegende Jahresbericht auch ein Nachweis, dass in und trotz aller Unruhe traditionelle Archivarbeit nicht zu kurz kommt. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trugen durch ebenso engagierte wie routinierte Leistungen das ihre dazu bei.
Gerhart Marckhgott Norbert Kriechbaum Gerhard Steininger Cornelia Sulzbacher Peter Zauner
* vgl. Einleitung zum Jahresbericht 2008
Projekte
Forschungsprojekt "Oberösterreich 1918-1938"
(Cornelia Sulzbacher)
Vorgeschichte
2009 beauftragte der oberösterreichische Landtag das Landesarchiv mit der Durchführung eines Forschungsprojektes zur oberösterreichischen Geschichte zwischen 1918 und 1938. In einem ersten Schritt wurde eine wissenschaftliche Kommission, deren Vertreterinnen und Vertreter die Landtagsklubs nominierten, eingesetzt, die u. a. im Rahmen von Peer-Reviews die Qualität der Forschungsergebnisse sichern soll. Ihr gehören folgende Wissenschafterinnen und Wissenschafter an: Univ.-Prof. Dr. Peter Becker (Wien) Prof. Dr. Helmut Fiereder (Linz) ao. Univ.-Prof. Dr. Lothar Höbelt (Wien) Dr.in Brigitte Kepplinger (Linz) Univ.-Doz. Dr. Martin Moll (Graz) ao. Univ.-Prof. DDr. Michael Pammer (Linz) Univ.-Prof. Dr. Roman Sandgruber (Linz) Mag. Florian Schwanninger (Linz) Univ.-Prof. Dr. Josef Weidenholzer (Linz)
Gemeinsam mit dem Archiv der Stadt Linz, das vom Linzer Gemeinderat ebenfalls einen Auftrag zur Erforschung der Stadtgeschichte zwischen 1918 und 1938 erhalten hatte, wurden im Jahr 2010 Wissenschafterinnen und Wissenschafter im In- und Ausland dazu eingeladen, im Rahmen eines "call for papers" Projektideen einzureichen. Von 16. bis 18. Februar 2011 veranstalteten beide Archive eine Tagung im Landesarchiv, bei der eine Auswahl der über 100 eingereichten Vorschläge näher vorgestellt wurde.
Konzeption
Auf Grundlage der eingereichten Unterlagen sowie der Referate und Diskussionen während der Tagung erstellte die wissenschaftliche Kommission gemeinsam mit dem Oö. Landesarchiv einen vorläufigen Projektplan. Auf dessen Basis wurden Wissenschafterinnen und Wissenschafter zur Mitarbeit eingeladen und Werkverträge abgeschlossen. Derzeit (Stand: März 2012) arbeiten 66 Historikerinnen und Historiker an insgesamt 67 Themen. Neben zwei Monografien zu den beiden Landeshauptmännern Josef Schlegel und Heinreich Gleißner sind Sammelbände zu den Bereichen "Soziales", "Wirtschaft", "Kulturgeschichte", "Das Land", "Ereignisse" und "Ständestaat" und vier Studien zur Geschichte der Parteien geplant. Ein eigener Fotoband soll einen Blick in das Leben in den 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts eröffnen. Ein Sponsoring durch die Energie AG ermöglicht eine zusätzliche, groß angelegte Studie zum Thema "Energiebedarf", durchgeführt von einem Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Gerhard Stadler. Analog zum Forschungsprojekt "Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus" wird es auch im Rahmen von "Oberösterreich 1918-1938" ein eigenes Biografienprojekt geben. Ziel ist es, die biografische Datenbank des Landesarchivs um Einzelbiografien zu führenden oberösterreichischen Politikern und Spitzenbeamten zu erweitern.
Das gesamte Projekt wurde von Landeshauptmann Dr. Pühringer am 12. Oktober 2011 im Rahmen einer Pressekonferenz öffentlich vorgestellt.
Archivprojekte
Neben der Koordination und Organisation des Projektablaufes sieht das Landesarchiv seine Hauptaufgabe in Grundlagenarbeiten, die den Leistungsumfang von Einzelprojekten übersteigen würden und deren Materialien auch langfristig der Forschung zugänglich sein sollen. Außer den im Folgenden angeführten, schon weit gediehenen oder bereits fertig gestellten Vorhaben sind noch weitere in Planung.
Digitalisierung der Landtagsprotokolle
Die Stenografischen Protokolle zu den Sitzungen des oberösterreichischen Landtages in der Ersten Republik befinden sich einerseits in gebundener Form in der Bibliothek des Archivs, andererseits teilweise im Original im Bestand "Landtagsakten ab 1861". Mag. Stephan Hubinger stellte im Rahmen eines Werkvertrages eine vollständige Reihe der Protokolle für den Zeitraum 1918 bis 1938 zusammen; bestehende Lücken konnten teilweise durch Digitalisate aus der Österreichischen Nationalbibliothek geschlossen werden.* In einem nächsten Schritt digitalisierte Mag. Hubinger die gesamte Reihe und bearbeitete die Digitalisate mit einer Texterkennungssoftware. Die digitalisierten Landtagsprotokolle können nunmehr im Lesesaal eingesehen werden. Im Lauf des Jahres 2012 wird eine semantische Suche in den Protokollen und Beilagen realisiert.
* Es fehlen die Beilagen Nr. 27/1922, Nr. 100/1922, Nr. 259/1928, Nr. 284/1928, Nr. 325/1928, Nr. 184/1936 und Nr. 185/1936, sowie die Indices zu den Jahren 1923/1924. Es konnte nicht geklärt werden, ob diese Beilagen und Indices tatsächlich gedruckt wurden.
Digitalisierung der Sitzungsprotokolle der Landesregierung
Der Bestand "Sitzungsprotokolle der Landesregierung 1918-1938" umfasst unter anderem in neun Schachteln die Protokolle zu den Landesregierungssitzungen, die ebenfalls von Mag. Hubinger sowie von Mag.a Olivia Nietsche digitalisiert wurden. Da diese Protokolle im Gegensatz zu jenen des Landtages auch handschriftliche Aufzeichnungen enthalten, stieß die anschließende Bearbeitung mittels Texterkennungssoftware an ihre Grenzen. Computerunterstütztes Suchen funktioniert in diesem Fall lediglich über die maschinschriftlichen Teile. Die digitalisierten Protokolle der Landesregierung werden wie die Landtagsprotokolle in die semantische Suchsoftware integriert.
Digitalisierung der Indices der Landesregierung (1926-1938)
Die Indices der Landesregierung von 1926 bis 1955 standen bisher für die Recherchen lediglich auf Mikrofilm zur Verfügung. Die Handschriften Nr. 1 bis 84, die die Akten der Landesregierung von 1926 bis 1938 erschließen, wurden nunmehr vom Mikrofilm digitalisiert und werden 2012 im digitalen Lesesaal des Archivs einsehbar sein.
Bearbeitung von Verzeichnissen
Zu einigen Beständen, die für die Forschungen zur Ersten Republik von Interesse sind, existierten lediglich gebundene Verzeichnisse, eine computerunterstützte Suche war in ihnen nicht möglich. Folgende Verzeichnisse wurden daher digitalisiert und stehen online auf der Website des Archivs zur Verfügung: Landesspende, BH Eferding (provisorisches Verzeichnis), BH Grieskirchen, BH Urfahr-Umgebung (provisorisches Verzeichnis), Vereinigung der Sensengewerke in Österreich, Sammlung Anton Mittmannsgruber und Sammlung Alfred Sighartner. Der Bestand "Sparkassenregister" ist durch eine Verzeichnis-Datenbank in ARIS erschlossen.
Wahlergebnisse der Landtags- und Nationalratswahlen
In der Ersten Republik fanden in Oberösterreich drei Landtags- und fünf Nationalratswahlen statt. Die Ergebnisse finden sich einerseits in Publikationen der Landesregierung und des Bundesamtes für Statistik aus den 1920er und 30er Jahren, andererseits, allerdings fehlerhaft, in regionalen Zeitungen. Als Plattform für einen komfortablen Zugang zu den Wahlergebnissen bot sich das Internet und im speziellen der "Digitale Oberösterreichische Kulturatlas"* (DOKA) an. Mag.a Luisa Pichler erhob aus den zeitgenössischen Publikationen sämtliche Ergebnisse der Landtags- und Nationalratswahlen und gab sie in eine Datenbank ein. Diese Datenbank dient als Grundlage für die Darstellung im DOKA. Über Landkarten, die die historischen Gemeindegrenzen aufweisen, können Wahlergebnisse bis auf Gemeindeebene im Internet abgerufen werden.
* Vgl. den Beitrag von Mag. Kriechbaum zum DOKA
Allgemeine Fotosammlung im digitalen Lesesaal
Die Fotos der "Allgemeinen Fotosammlung" konnten bisher zwar über eine Datenbank im Lesesaal recherchiert, aber nur im Original angesehen werden. Dies bedeutete einerseits zusätzlichen Manipulationsaufwand, war andererseits aus konservatorischer Sicht unbefriedigend. Die bisher knapp 30.000 digitalisierten Fotos sind nunmehr seit Jahresanfang 2012 im digitalen Lesesaal verfügbar.
Ausstellung "Das 20. Jahrhundert in Oberösterreich)
(Cornelia Sulzbacher)
Das Oö. Landesarchiv beteiligte sich als Kooperationspartner an der Dauerausstellung der Oö. Landesmuseen "Das 20. Jahrhundert in Oberösterreich: Kulturgeschichte und Kunst". Ziel dieser Ausstellung ist es, das vergangene Jahrhundert in Oberösterreich aus historischer, politischer, kultur- und kunstgeschichtlicher Perspektive zu beleuchten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landesarchivs waren vor allem an der Erstellung und Bearbeitung von Ausstellungstexten beteiligt und führten Archivrecherchen durch. Gemeinsam mit den Landesmuseen, der Direktion Kultur / Institut für Kunst und Volkskultur und dem Stifterhaus wurde am 30. September / 1. Oktober 2011 ein Symposion zur Ausstellung veranstaltet, das sich mit Themen aus den Bereichen Heimatforschung, Kunstgeschichte und Geschichtswissenschaft beschäftigte.
Historische Gemeindegrenzen und Wahlen im Digitalen oberösterreichischen Kulturatlas (DOKA)
(Norbert Kriechbaum)
Im Rahmen des Forschungsprojektes "Oberösterreich 1918 - 1938" stellt das Oö. Landesarchiv grundlegende Materialien zur Landesgeschichte dieser Zeit digital zur Verfügung. Dazu gehören auch die Ergebnisse aller Landtags- und Nationalratswahlen zwischen 1919 und 1931 auf Gemeindeebene. Um die Abfrage auf Gemeindeebene zu ermöglichen, war es zunächst nötig, die flächenmäßige Entwicklung der oberösterreichischen Ortsgemeinden seit ihrer Entstehung zu rekonstruieren. Gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgten zahlreiche Gemeindezusammenlegungen und Gemeindetrennungen. Mit Hilfe des Oö. Amtskalenders und der Landesgesetzblätter gelang es, die Entwicklung der einzelnen Ortsgemeinden von 1850/51 bis heute parzellengenau nachzuzeichnen. Auf dieser Basis ist es nun möglich, die Ergebnisse der Wahlen auf Grundlage der zeitgenössischen Gemeindegrenzen abzufragen. Dazu stehen den Benützern zwei Wege zur Verfügung. Zum einen kann pro Wahltermin auf einer Oberösterreichkarte, in der die Gemeinden nach der jeweils stimmenstärksten Partei eingefärbt sind, durch Anklicken einer Gemeinde deren Detailergebnis abgefragt werden, zum anderen kann in einer Suchmaske direkt nach einzelnen Gemeinden gesucht werden. Mittels der Anwendung Historische Gemeindegrenzen kann die geographische Entwicklung der ursprünglich 564, derzeit 444 oberösterreichischen Gemeinden nachvollzogen werden. Die Benutzerinnen und Benutzer haben die Möglichkeit, von einer ausgewählten Gemeinde sowohl die bestehenden als auch die historischen Grenzen anzeigen zu lassen. Zudem führen Links zu den jeweiligen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern und zu Biografien der in der Gemeinde geborenen oder tätigen Persönlichkeiten.*
* Siehe www.doris.ooe.gv.at
Archivverbund
(Willibald Mayrhofer)
Der zweite Oberösterreichische Archivtag wurde am 17. Juni 2011 im Stadtarchiv Wels abgehalten. Die Veranstaltung fand im Concertinosaal der Landesmusikschule Wels statt. Mehr als die Hälfte der 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren interessierte Heimatforscherinnen und Heimatforscher. Der Leiter des Stadtarchivs Wels, Günter Kalliauer, und sein Kollege Mag. Michael Kitzmantel boten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vor und nach der Tagung Führungen durch das Haus "Dreiklang Herminenhof" an. Nach der Begrüßung durch die Kulturreferentin der Stadt Wels, Frau Vizebürgermeisterin Anna Eisenrauch, folgten Vorträge einerseits zu den neuen Informationstechnologien und deren Anwendungsgebieten im Archivwesen und andererseits zum Umgang der Gemeinden mit ihren Archiven. Dr. Gerhart Marckhgott referierte über "Schriftgutverwaltung in digitalem Umfeld" und Dr. Thomas Aigner (Diözesanarchiv St. Pölten) berichtete über "Archive und Informationstechnologien, Herausforderungen, Möglichkeiten und Wege". Das zweite Generalthema, die Gemeindearchive, deckten Willibald Mayrhofer mit dem Vortrag "Gemeindearchive in Theorie und Praxis" sowie Mag. Stephan Hubinger mit seinem Praxisbericht "Die Ordnung des Gemeindearchivs Sandl" ab. Das Verzeichnis des Gemeindearchivs Sandl ist auf der Homepage des Verbundes oberösterreichischer Archive www.archivverbund-ooe.at einsehbar.
Von der Zentralregistratur zum Verwaltungsarchiv
(Gerhart Marckhgott)
Die Zentralregistratur war schon im späten 19. Jahrhundert eine Dienststelle der Statthalterei, der Landeshauptmannschaft und später des Amtes der Oö. Landesregierung. Hier wurden Akten gelagert, die in den Dienststellen und Kanzleien nicht mehr unmittelbar benötigt wurden, aber entweder noch der Amtsverschwiegenheit unterlagen oder aufgrund gesetzlicher oder organisatorischer Vorschriften befristet im Original aufzubewahren waren. Der Ausbau der zugehörigen Mikrofilmstelle in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zur zeitweise größten derartigen Einrichtung in Österreich ermöglichte die Erhaltung vieler Informationen, die bei der unvermeidlichen Vernichtung von Originalen (Skartierung) verloren gegangen wären. Organisatorisch war die Zentralregistratur der Kanzleidirektion in der Abteilung Präsidium zugeordnet.
Die archivähnlichen Aufgaben der Zentralregistratur führten mehrmals zu Überlegungen, die beiden Einrichtungen zu vereinigen. Diese blieben aber halbherzig, sodass 2000 zwar eine nicht näher definierte 'fachliche Zuständigkeit' des Landesarchivs festgelegt wurde, organisatorisch aber die Zugehörigkeit zur Abteilung Präsidium bestehen blieb. Erst die jüngsten Reformprojekte führten im Frühjahr 2011 zu der Ankündigung, die Zentralregistratur werde als eigene Dienststelle aufgelöst und ins Landesarchiv integriert. Verbunden wurde dies mit den Aufgaben für das Landesarchiv, die Mikroverfilmung in nächster Zeit durch Digitalisierungstechnik zu ersetzen und die - nach früheren, einschneidenden Personalreduzierungen sehr reichlich bemessenen - Diensträume der Zentralregistratur für andere Zwecke freizumachen.
Nach etwas schleppendem Anlauf erwiesen sich im Lauf des Berichtsjahres die organisatorischen Vorbereitungen, die im besten Einvernehmen aller Beteiligten durchgeführt werden konnten, als der einfachere Teil der Übung. In intensiven Gesprächen mit den bisherigen Vorgesetzten und den Betroffenen selbst wurden Aufgaben und Arbeitsabläufe erhoben, strukturiert dargestellt und unter Berücksichtigung der bevorstehenden technischen Veränderungen reorganisiert. Begünstigt wurde dies durch den Umstand, dass gleichzeitig im Präsidium die Überarbeitung der Kanzleiordnung für das Amt der Landesregierung erfolgte, sodass die Maßnahmen aufeinander abgestimmt werden konnten. Durch Organisationsverfügung des Landesamtsdirektors wurden die Auflösung der Dienststelle "Zentralregistratur" mit 31. Dezember 2011 und ihre Vereinigung mit dem Landesarchiv unter der Bezeichnung "Verwaltungsarchiv" ab 1. Jänner 2012 festgelegt. Organisatorisch bemerkenswert ist, dass das Landesarchiv durch die Übernahme der neuen Aufgaben auch in den Kompetenzen-Katalog des Amtes der Oö. Landesregierung Eingang fand und damit erstmals - wenn auch nur indirekt - im Bereich der Pflichtaufgaben des Landes verankert ist.
Überaus schwierig gestaltete sich die Umsetzung der beiden Zusatzaufgaben. Ein Teil der Diensträume im Amtsgebäude Anastasius-Grün-Straße konnte zwar durch Übersiedlungen ins Gebäude Anzengruberstraße 21 und in Büroräume des Verbindungstraktes freigemacht werden, für die Räumung der übrigen Flächen müssen aber erst bestimmte bauliche und technische Voraussetzungen geschaffen werden - was bis dato aus finanziellen Gründen nicht möglich war. So konnte die räumliche Vereinigung im Berichtsjahr nur teilweise durchgeführt werden. Die Umstellung von Mikrofilm auf Digitalisate wird schrittweise erfolgen, steht aber unter großem Druck seitens überfüllter Kanzleien. Die Entwicklung von Applikationen zur Generierung von EDIAKT-Paketen aus digitalisierten Akten wurde nach Planungsgesprächen von der Abteilung IT in Aussicht gestellt, die Analyse der Arbeitsabläufe und die Entwicklung entsprechender Workflows ist im Gang.
Pfarrmatriken online
(Josef Weichenberger)
Seit Februar 2011 stellt das Oö. Landesarchiv die digitalen Matriken von 370 Pfarren auf dem Portal matricula-online.eu im Internet kostenlos zur Verfügung.* Die Umsetzung dieses Projekts erfolgte in Kooperation mit dem Diözesanarchiv Linz und dem Verein ICARus. Insgesamt wurden 9.288 Kirchenbücher von 414 katholischen und 43 evangelischen Pfarren digitalisiert, in Summe 1,324.796 Bilder. Abrufbar sind derzeit die Matriken vom Beginn der Aufzeichnungen bis zu jenem Band, der das Jahr 1820 enthält, sowie die Namensverzeichnisse bis 1910. In einem weiteren Schritt werden die Kirchenbücher der noch fehlenden ca. 50 Pfarren und die Pfarrmatriken-Duplikate von 1819 bis 1910 online gestellt. Die fehlerfreie Organisation von beinahe eineinhalb Millionen Dateien stellt die interne EDV vor beispiellose Anforderungen und blockierte zeitweise die gesamte IT-Entwicklung des Landesarchivs.
Bei den Forscherinnen und Forschern stieß dieses neue Rechercheangebot auf reges Interesse, bis Jahresende 2011 verzeichnete die Website bereits 170.000 Zugriffe aus aller Welt. Gleichzeitig stiegen die Anfragen im Bereich Familienforschung erheblich an. Im Zuge der Internetbereitstellung wurde auch die Darstellung der Pfarrmatriken im Digitalen Lesesaal des Oö. Landesarchivs verbessert. Hier können nun in einer Liste der Pfarren die Bücher direkt ausgewählt werden.
* Aus Datenschutzgründen sind die Kirchenbuch-Eintragungen der letzten 100 Jahre gesperrt.
Bestände
Sammlung Planck Nachtrag
(Willibald Mayrhofer - Josef Weichenberger)
Im Mai 2011 schenkten Dipl.-Ing. Marion Planck und Dipl.-Ing. Alexander Planck anlässlich des Verkaufes von Schloss Weyer bei Kematen dem Oö. Landesarchiv Archivalien zu den Familien Planck und Scheibenbogen und zu den Herrschaften Feyregg, Achleiten, Hehenberg, Piberbach und Weyer bei Kematen sowie fünf Schachteln mit Büchern aus der Schlossbibliothek Weyer. Der Bestand gliedert sich in sechs Hauptgruppen: Gutsbesitz und Großhandlungshaus, Funktionärsausübungen, Familie, Varia und Porträts, Gruppen- und Paarfotos und - als letzte Hauptgruppe - Unterlagen des Architekturbüros Planck.
Nach der vorläufigen Ordnung und Verzeichnung umfassen die Aktenschachteln 1 bis 20 die Archivalien über den umfangreichen Gutsbesitz und das Großhandlungshaus Scheibenbogen Eidam. Innerhalb dieser Archivaliengruppe sind die Unterlagen über die Gutsbesitzungen Feyregg, Achleiten, Hehenberg, Piberbach, Weyer und das Pausweggeramt mit 15 Aktenschachteln der größte Teil dieser Sammlung und umfassen den Zeitraum vom 18. bis zum 20. Jahrhundert.
In der Publikation von Hannes Kreczi "Linz - Stadt an der Donau" scheint der Planckgarten in der Römerstraße 17 als besonders erwähnenswert auf. Dieser war in gärtnerischer und künstlerischer Hinsicht eine Linzer Sehenswürdigkeit. Die Liegenschaft, bei der der Garten angelegt wurde, war das Haus mit der Konskriptionsnummer 908, das dem Schlossgültenamt untertänig war und im Jahre 1825 durch den Linzer Großkaufmann Franz Planck (1844 nobilitiert) angekauft worden war. Mit dem Erwerb dieser Liegenschaft wurden auch angrenzende Parzellen zugekauft, um genügend Platz für die Ausgestaltung des Gartens zu haben, der sich zwischen der Römerstraße und der Flügelhofgasse erstreckte. Die Planentwürfe für die Neuerrichtung der Villa Planck sind ebenfalls in dieser Sammlung erhalten geblieben.
Mitglieder der Familie Planck von Planckburg übten zahlreiche Funktionen im öffentlichen und ehrenamtlichen Bereich aus, waren Mitglieder des Musealvereines, der Nationalgarde, Gründungsmitglied der Oö. Handels- und Gewerbekammer oder wie Karl Planck von Planckburg Präsident der Bank für Oberösterreich und Salzburg sowie Landeskommissionsmitglied bei der Wiener Weltausstellung 1873. Die Unterlagen zu diesen Funktionen finden sich in den Aktenschachteln 21 bis 23. Die Hauptgruppe Familie umfasst nach der Ordnung 30 Aktenschachteln.
Hervorzuheben ist die umfangreiche Korrespondenz, die den privaten, sozialen und wirtschaftlichen Bereich widerspiegelt und einen Einblick in die Alltagsgeschichte dieser Familie erlaubt. Ergänzend dazu liegen auch einige Tagebücher aus der Zeit von 1880 bis 1900 vor. Bemerkenswerte Einzelakten sind u. a. ein Schriftstück mit dem Befehl vom 5. Mai 1627 von Adam Graf Herberstorff, die Leichen der Rebellen Fadinger und Zeller in Eferding wieder auszugraben und in einem Moor zu verscharren, dann drei Briefe mit der Schilderung der Märzereignisse in Linz 1848 sowie Korrespondenz zur französischen Invasion in Linz 1801.
Zwei Aktenkartons Familienfotos und die Unterlagen des Architekturbüros müssen noch mit Hilfe der Übergeber identifiziert und geordnet werden.
Nachlass Huber
(Norbert Kriechbaum - Josef Weichenberger)
Am 19. September 2011 übergab Frau Ingrid Höfinger dem Oö. Landesarchiv den Nachlass ihres im Jahre 2000 verstorbenen Vaters Ing. Franz Huber aus Aschbach (Bezirk Amstetten).
Huber wurde 1926 in Aschbach geboren, besuchte die Staatsbauschule in Linz, an der er 1944 die Matura ablegte und das Ingenieursdiplom für Tiefbau erhielt. Eine Schussverletzung beendete bald darauf seinen Kriegseinsatz. Nach dem Krieg war Huber bei den Österreichischen Bundesbahnen bis zu seiner Pensionierung als Hoch- und Tiefbauingenieur in der Streckenleitung Amstetten beschäftigt. Im Ruhestand widmete er sich der Ahnenforschung und später dem Thema Hexenprozesse. Seine Forschungen auf diesem Gebiet fanden Niederschlag in neun Publikationen über diverse Hexenprozesse in Ober- und Niederösterreich.
Das vom Landesarchiv übernommene Material umfasst neben Literatur zur Geschichte der Hexen, Zauberei, Magie und Faust-Forschung die Publikationen Hubers sowie Notizen, Manuskripte, Korrespondenz und Kopien von Archivalien aus diversen Archiven des In- und Auslandes.
Nachlass Friedrich Mayr (Landesstabsleiter des Heimatschutzes Oberösterreich)
(Josef Goldberger)
Friedrich Mayr wurde am 24. November 1887 als Sohn eines k & k Offiziers in Agram (Zagreb, Kroatien) geboren und starb am 30. Mai 1937 in Wien. Nach Kadettenschule in Prag und Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg als Oberleutnant und Hauptmann trat er nach dem Krieg in die Volkswehr ein und leitete die Volkswehrkompanie Leonfelden. Im April 1920 gründete Mayr gemeinsam mit Franz Reisetbauer den "Selbstschutzverband Oberösterreich", 1921 wurde er dessen Landesstabsleiter (Kanzleileiter). Der Aufbau der oberösterreichischen Landesgruppe des Heimatschutzes erfolgte gegen den Widerstand der Landeshauptleute Hauser und Schlegel. Ab 1933 war Mayr auch Bundesstabsleiter des Heimatschutzes und zweiter Generalsekretär der Vaterländischen Front, 1934 bis 1937 auch Staatsrat im Ständestaat. Mayr war enger Mitarbeiter von Ernst Rüdiger Starhemberg und arbeitete nach dem Einzug der Partei des Heimatschutzes ("Heimatblock") in den Nationalrat auch für die Parteileitung.
Sein Nachlass befand sich seit 1937 auf dem Dachboden seines ehemaligen Hauses in Enns und wurde erst bei dessen Räumung vor wenigen Jahren wieder gefunden. Andreas Danner, der gemeinsam mit Martin Prieschl das Archiv des "Landwehrinfanterieregiments Linz Nr. 2" führt, erwarb den Nachlass 2009. Für das Oö. Landesarchiv wurde der Bestand im Rahmen eines Projektauftrags von Martin Prieschl vollständig digitalisiert und verzeichnet.
Der Nachlass enthält Unterlagen aus der Zeit zwischen 1916 und 1939, gibt in der Hauptsache aber einen Einblick in die Strukturen der oberösterreichischen Heimwehren und ihres Betätigungsfeldes sowie der "Landesleitung des Heimatschutzes" Oberösterreichs zwischen 1920 und 1933.
Eine durchgehende Ordnung gab es im Originalzustand nicht, Akten und Aktenfaszikel lagen durcheinander. Eine ursprüngliche Kanzleiordnung konnte weder erkannt noch rekonstruiert werden. Aus diesen Gründen wurde der Bestand nach dem Pertinenzprinzip neu geordnet. Alle Originale wurden von Martin Prieschl im Juni 2010 am Oberösterreichischen Landesarchiv eingescannt, gleichzeitig ein Findbuch samt Personen- und Ortsindex erstellt.
Verzeichnet wurde der Bestand nach folgenden Gruppen:
A. Heimwehrbewegung (samt den nahestehenden bzw. untergeordneten Gruppierungen/Parteien): gesamte Korrespondenz, die die Landesleitung der Heimwehren hinterließ, auch zahlreiche Konfidentenberichte
B. Rechte Parteien und Wehrverbände (außer dem Heimatschutz): "Deutsche Turner", "Nationalverband Deutscher Offiziere", NSDAP, Organisation Kanzler (ORKA), Organisation Escherich (ORGESCH), "Bund Bayern und Reich" sowie Bauernwehren und andere Verbände.
C. Linke Parteien und Wehrverbände: Sozialdemokratische Arbeiterpartei, KPÖ, Wehrverband der KPÖ, "Republikanischer Schutzbund". Während der (kleinere) Bestand zur KPÖ meist nur Flugblätter, Zeitungen und Konfidentenberichte umfasst, ist der Bestand der SDAP größer und von den Dokumenten her tiefer gehend. Hier finden sich Handbücher sowie Aktenmaterial zum "Republikanischen Schutzbund" wie auch zu Parteiorganisationen der SDAP (Protokolle von Parteiversammlungen), zu Sportverbänden, der sozialdemokratischen Gewerkschaft sowie Listen von angeblichen Spionen sowie Flugzettel.
D. Tschechoslowakische Armee: Bis ins Jahr 1921 herrschte in Oberösterreich Angst vor einer Invasion aus dem Norden, sodass hier ein Netz von Informanten und Waffenlagern aufgebaut wurde.
E. Andere Gruppen: legitimistische Organisationen und Freimaurer
F. Mayer privat: spärliche Reste aus Mayers persönlichem Nachlass, Korrespondenz mit Freunden, Bekannten, Familie, der Evangelischen Kirche A.B. in Linz, Kriegsnotizen, persönliches Telefon- und Adressbuch.
G. Anderes: Karten, Pläne, Fotos
H. Bundesheer: kleinster Bestand im Nachlass Mayer, umfasst nur Organisations-Pläne und Notizen über die Stärke des Bundesheeres in Graz und der Steiermark
Innerhalb dieser Gruppen erfolgte die Gliederung der Dokumente chronologisch.
Nachlass Anton Reinthaller
(Cornelia Sulzbacher)
Anton Reinthaller (1895-1958), von Beruf Forstingenieur, trat der NSDAP bereits in der Zwischenkriegszeit bei und war in den dreißiger Jahren führend am gescheiterten Versuch eines Ausgleichs zwischen der österreichischen NSDAP und dem Ständestaat beteiligt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1938 wurde Reinthaller Landwirtschaftsminister im Kabinett Seyß-Inquart, 1940 Unterstaatssekretär im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft und 1941/42 Landesbauernführer von Niederdonau. Für seine nationalsozialistische Betätigung verurteilte ihn das Volksgericht zu drei Jahren Haft. 1956 wurde Reinthaller zum ersten Bundesobmann der FPÖ gewählt.
Im Juli 2011 erwarb das Oberösterreichische Landesarchiv aus Privatbesitz mehrere Schachteln mit Unterlagen von Anton Reinthaller. Das Material umfasst Schriftstücke und Dokumente, Fotoalben und Plakate aus den Jahren 1930 bis 1950. Der Bestand wird derzeit geordnet und ist noch nicht benützbar.
Sicherheitsdirektion
(Josef Goldberger)
Im Februar 2010 wurden aus dem Archiv der Sicherheitsdirektion für Oberösterreich etwa 190 Faszikel alter Akten übernommen, dazu zwölf Ordner und drei Karteikästen.
Die Laufzeit einer ersten Aktengruppe konzentriert sich auf die Jahre 1938 bis 1945, in der Hauptsache serielle personenbezogenen Akten zu Erhebungen der Kripo bzw. Gestapo-Leitstelle Linz für Strafakten ("Blatt der kriminalpolizeilichen Strafakte"). Oftmals liegen in den Akten Fotos der Personen oder des Tatortes ein, genaue Tatberichte, Fingerabdrücke, Zeitungsartikel, Skizzen des Tatortes, mehrfach auch "rassische" Hinweise (Zigeuner, Juden, ...). Ab etwa 1940 werden die Akten formloser und die Formulare uneinheitlicher. Die Straftaten reichen von Diebstahl und Sittlichkeitsdelikten über Flucht aus Kriegsgefangenschaft, Vergehen gegen die Kriegswirtschaftsordnung und gegen die Verbrauchsstrafverordnung bis hin zu Mord. Es fällt ein gewisser Schwerpunkt bei der Erfassung von Geistlichen bzw. bei der "Einberufung zum Wehrdienst auf Führererlass" (inhaftierte Personen, die für den Wehrdienst von ihrer Haft freigestellt wurden) auf. Viele Akten weisen auch einen Bezug zum Konzentrationslager Mauthausen auf (Entweichung, Überstellung, ...).
Eine zweite Aktengruppe nach 1945 (mit Lücken bis 1958) umfasst ebenfalls personenbezogene polizeiliche Erhebungen der Polizeidirektion Linz: NS-Registrierungsangelegenheiten, Staatsbürgerschaftsansuchen, Ansuchen auf Wahlrecht, Opferfürsorgeangelegenheiten, Haftbestätigungen.
Darüber hinaus wurden ein Faszikel "Südtirolprozess" und zwölf Ordner Amtsblätter aus 1948 bis 1992 übernommen. Die Karteikästen enthalten Vermisstenkarteien sowie eine Kartei mit Bombenopfern. Teil des Bestandes sind auch Übersichten der Polizeidirektion Linz aus den ersten Nachkriegsjahrzehnten über österreichische Gerichtsverfahren und noch offene Ausschreibungen wegen NS-Gewaltverbrechen sowie ein Arrestantenbuch 1946 bis 1965.
Das übernommene Schriftgut wurde in etwa 130 Archivschachteln eingeschachtelt und verzeichnet, die personenbezogenen Akten in einer Datenbank (Jahr, Aktennummer, Name der Person, Geburtsdatum, Tatort, Straftat, ...) erfasst.
Bezirkshauptmannschaft Rohrbach
(Engelbert Lasinger)
Im Jahr 1868 wurden die gemischten Bezirksämter aufgelöst, und an ihre Stelle traten die zwölf Bezirkshauptmannschaften bzw. drei städtischen Magistrate (wie schon 1850 bis 1854). Durch Neugründungen der Bezirkshauptmannschaften Urfahr-Umgebung (1903), Eferding (1906) und Grieskirchen (1911) kam es zu Änderungen der Verwaltungsgrenzen und der Verwaltungsstruktur in Oberösterreich, die ab diesem Zeitpunkt 18 Bezirksverwaltungsbehörden (15 Bezirkshauptmannschaften und drei Magistrate) umfasste. In der Zeit des Nationalsozialismus (1938 bis 1945) wurden die Bezirke in Landkreise und die BHs in Landratsämter umbenannt, wobei es wiederum einige Gebietsveränderungen gab. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Verwaltungseinteilung von 1938 wiederhergestellt.
Die Bezirkshauptmannschaft Rohrbach wurde 1868 gegründet und ein erster Aktenbestand dürfte schon in den sechziger Jahren ins Oö. Landesarchiv gekommen sein. Der weitaus größere Teil aber wurde im Zuge der Verfilmung durch das Verwaltungsarchiv (ehemals Zentralregistratur) portionsweise übergeben. Der Gesamtbestand wurde 2011 geordnet, eingeschachtelt und verzeichnet. Er besteht derzeit aus 354 Schachteln und vier Handschriften, beginnt mit dem Jahr 1868 und reicht in Einzelfällen bis 2002 herauf.
Leider sind vom Altbestand (1868 bis 1921) nur wenige Akten vorhanden, von der Zwischenkriegs- und Kriegszeit (1922 bis 1945) gar keine. Der neuere Bestand (ab 1945) umfasst einzelne Abteilungen, als größere Blöcke sind Bauangelegenheiten (1946 bis 2002), Gewerbe (1945 bis 1997) und Wasserrechtsakten (1946 bis 1983) zu nennen. Die neueren Akten sind mikroverfilmt, Filme und Jackets befinden sich im Verwaltungsarchiv.
Nachlass Felix Kern
(Engelbert Lasinger)
Der Politiker Felix Kern - geboren am 21. Mai 1892 in Unterweißenbach, gestorben am 23. Oktober 1955 in Linz - war Abgeordneter und Landesrat der Christlichsozialen Partei (1925 bis 1938) bzw. der Österreichischen Volkspartei (1945 bis 1949). Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Wien und Innsbruck arbeitete er als Redakteur bei der "Steyrer Zeitung", als Bau- und Rechtsreferent bei der Diözesanfinanzkammer des Bischöflichen Ordinariats in Linz und war Direktor des Bauernbundes Oberösterreich. Während der NS-Herrschaft war Kern mehrere Jahre im KZ Dachau und im Polizeigefängnis Linz inhaftiert. Von 1947 bis 1955 gehörte er als Landeshauptmannstellvertreter der Landesregierung an. Der erste Teil seines persönlichen Nachlasses wurde von seiner Tochter Hildegard Kern chronologisch und thematisch geordnet und 2008 dem Oö. Landesarchiv als Geschenk übergeben. Den zweite Teil des Nachlasses übergab Ing. Wolfgang Kern 2011 ebenfalls als Geschenk. Im gleichen Jahr wurden beide Teile auf Basis des Verzeichnisses von Hildegard Kern zusammengefügt. Der Gesamtbestand besteht derzeit aus drei Schachteln (Dokumente, Briefe, Glückwunschschreiben, Zeitungsausschnitte und Fotos 1914 bis 2001) und vier Faszikeln mit Fotos in Großformat (1920 bis ca. 1950) sowie Ehrenbürgerurkunden verschiedener oberösterreichischer Gemeinden (1931 bis 1955). Er beginnt mit dem Jahr 1898 und reicht in Einzelfällen bis ins Jahr 2001.
Publikationen
Mitteilungen des Oö. Landesarchivs Band 22
1950 wurde die Buchreihe "Mitteilungen des Oberösterreichischen Landesarchivs" ins Leben gerufen. Seit damals erscheinen in unregelmäßigen Abständen immer wieder neue Bände mit interessanten wissenschaftlichen Beiträgen zur Geschichte unseres Landes. Der neueste Band bietet auf 340 Seiten eine breite Themenpalette vom frühen Mittelalter bis zur Zeitgeschichte.
Die Beiträge:
- Die Urkunden des Klosters Waldhausen bis 1332
- Das Schlossarchiv Sprinzenstein - Ein Zwischenbericht
- Städtische Verwaltungspraxis im spätmittelalterlichen Freistadt: eine Bestandsaufnahme
- Möglichkeiten kodikologischer Analyse im Bereich Verwaltungsschriftgut am Beispiel der spätmittelalterlichen Handschriften aus dem Stadtarchiv Freistadt
- Fragen zur Datierung des ältesten Urbars des Stiftes Lambach
- "Die rechtgläubigen ... Schäflein von den stinkheten Böckhen ab[zu]sondern". Die Vertreibung der Evangelischen von 1734 bis 1737
- Probleme der Chronologie und Genealogie in den jüngeren Teilen des Ranshofener Traditionskodex
- Adolf Eigl - Landeshauptmann von Oberösterreich
340 Seiten ISBN 978-3-902801-03-6 Preis: 24 Euro
Siegfried Haider: Die Traditionsurkunden des Klosters Garsten. Kritische Edition
In enger Zusammenarbeit mit dem Wiener Böhlauverlag ist das Buch "Die Traditionsurkunden des Klosters Garsten" des ehemaligen Direktors des Oö. Landesarchivs, Siegfried Haider, erschienen.
Die Edition der Schenkungsurkunden des oberösterreichischen, von den steirischen Markgrafen gegründeten Benediktinerklosters Garsten ersetzt die unzureichende alte aus dem Jahr 1852 und basiert auf grundlegenden Vorstudien des Autors. Wegen der engen Beziehungen Garstens zu dem steirischen Regentengeschlecht der Otakare, den Gründern und Vögten des Klosters, und ihren zahlreichen Gefolgsleuten sind die Urkunden wichtige Quellen nicht nur für die Frühgeschichte des Klosters und für Oberösterreich, sondern auch für die Steiermark und den hochmittelalterlichen steirisch-österreichischen Adel.
384 Seiten ISBN 978-3-902801-07-4 Preis: 59,80 Euro
Willibald Mayrhofer: Quellenerläuterungen für Haus- und Familienforschung in Oberösterreich
Heimatforschung, also die Suche nach den eigenen Wurzeln, erfreut sich seit Jahrzehnten hoher Beliebtheit. Ausdruck dessen ist auch die Tatsache, dass die bewährten "Quellenerläuterungen für Haus- und Familienforschung in Oberösterreich" wieder in stark überarbeiteter und erweiterter, nun bereits vierter Auflage herausgegeben werden.
Die "Quellenerläuterungen" zählen schon seit Jahren zu den Standardwerken für die Heimatforschung und wirken als Beispiel über die Grenzen Oberösterreichs hinaus. Der bewährte Aufbau mit praktischen Hinweisen und Illustrationen wurde beibehalten. Neu sind Kaufkrafttabellen für die Jahre um 1675 und 1775 und eine Übersicht über die Bezirksgerichte in Oberösterreich, ihre Funktionsdauer und die grundbücherlichen Quellen, die dort zu finden sind. Auch die neuen Möglichkeiten der Recherche im Internet wurden eingebunden und erklärt.
287 Seiten ISBN 978-3-902801-02-9 Preis: 21,90 Euro
Olga Mühlbacher: "Man sperrte uns einfach ein". Überleben einer Ischler Jüdin im Dritten Reich (bearbeitet von Friedrich Wiener)
In der Sammlung historischer Flugschriften des Oberösterreichischen Landesarchivs befindet sich in einer schmalen Mappe ein knapper, aber eindringlicher Text der Ischlerin Olga Mühlbacher, der ein Fenster in die oberösterreichische Vergangenheit öffnet - in die Jahre 1941 bis 1945.
Das Manuskript ist vor allem ein Zeitzeugenbericht. Im Vordergrund steht das direkte Erleben und nicht historische Analyse. Mühlbacher schildert in ihrem Text ihr ganz persönliches Erleben der immer massiver werdenden Repressionen, denen sie und die wenigen in Ischl verbliebenen Jüdinnen und Juden ausgesetzt waren, das Verhalten der "arischen" Bevölkerung und ihre ganz persönlichen Überlebensstrategien. Ihre Geschichte wird nun erstmals einem breiten Publikum zugänglich gemacht.
135 Seiten ISBN 978-3-902801-09-8 Preis: 12 Euro
Christopher Rhea Seddon: Adel zwischen Bayern und Österreich. Die Herren von Hackledt und ihre Lebenswelt 1550 bis 1800
Der Alltag der ländlichen Bevölkerung am unteren Inn war über Jahrhunderte von Agrarwirtschaft und dörflichem Leben bestimmt. Als Obrigkeit, die nahezu alle Dinge des täglichen Lebens regelte, traten dabei bis zum 19. Jahrhundert vor allem die Inhaber des niederen Adels in Erscheinung.
Ein typisches Beispiel sind die Herren von Hackledt: Sie gehörten nie zu den großen Grundbesitzern des Innviertels, erlangten nie politischen Einfluss und brachten auch keine Einzelperson von historischer Bedeutung hervor. Als Obrigkeit auf dörflicher Ebene aber erfüllten sie über Jahrhunderte wichtige Funktionen in Wirtschaft und Verwaltung. Ihre wechselvolle Geschichte bietet einen facettenreichen Einblick in die Welt des Adels an der heutigen Grenze zwischen Österreich und Deutschland.
529 Seiten ISBN 978-3-902801-04-3 Preis: 35 Euro
Karl Rehberger und Christiane Wunschheim: Bibliographie zur Geschichte des Stiftes St. Florian, 2000-2010
Im Jahr 2006 erschien der 1. Teil des Werkes "Bibliographie zur Geschichte des Stiftes St. Florian". Dieser erfasst alle Publikationen von und über Chorherren des Stiftes sowie die Literatur über das Stift und seine Sammlungsbände bis 1999. Nun ist der zweite Band erschienen, der die Jahre 2000 bis 2010 erfasst. Im Unterschied zum ersten Band wurden darin auch Standardwerke zu Geschichte und Kunst, Urkundenbücher, Regestenwerke und Künstlerbibliographien aufgenommen.
206 Seiten ISBN 978-3-902801-08-01 Preis: 11,99 Euro (erhältlich im Stiftsladen)
Vorträge und Beiträge
Vorträge
- Josef Weichenberger: Die Kaperger-Hexenbande 1649/60 (Wartberg/Krems, 14. Jänner 2011)
- Gerhart Marckhgott: Digitalisierungsstrategien des Oö. Landesarchivs und grenzüberschreitende Kooperation mit dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv München(Tagung: "Neue Möglichkeiten der Familienforschung", Linz, 27. Jänner 2011)
- Gerhart Marckhgott: Archive und Edition - digitale Perspektiven (Spring School Vienna, Wien, 14. März 2011)*
- Cornelia Sulzbacher: Woher kommt Oberösterreich? (Exkursion Historischer Verein für Steiermark, Linz, 3. Juni 2011)
- Gerhart Marckhgott: Dreiländereck Oberösterreich - Bayern - Böhmen (Österreichischer Archivtag Eisenstadt, Eisenstadt, 14. Oktober 2011)
- Gerhart Marckhgott: Archiv - verwalten, vergessen, erinnern (Stifterhaus, Linz, 1. Dezember 2011)
- Gerhart Marckhgott: Großprojekt "Erste Republik" (Keplersalon, Linz, 5. Dezember 2011)
* Druckfassung siehe Anhang
Beiträge
- Gerhart Marckhgott: Vom Diener zum Dienstleister. Gedanken zu einem neuen Selbstbewusstsein der Archive. In: Archive im Web - Erfahrungen, Herausforderungen, Visionen. Hg. v. Thomas Aigner, Stefanie Hohenbruck, Thomas Just, Joachim Kemper (St. Pölten 2011) 12-20
- Gerhart Marckhgott: Strategien und Chancen archivischer Arbeit am Beispiel eines Landesarchivs. In: Die virtuelle Urkundenlandschaft der Diözese Passau. Vorträge der Tagung vom 16./17. September 2010 in Passau. Hg. v. Adelheid Krah und Herbert W. Wurster (Passau 2011) (Veröffentlichungen des Instituts für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen der Universität Passau 62) 143-147
- Gerhart Marckhgott und Cornelia Sulzbacher: Zeitgeschichte im Oö. Landesarchiv. In: Scrinium 65 (Wien 2011), 127-138
- Cornelia Sulzbacher: Adolf Eigl - Landeshauptmann von Oberösterreich. In: MOÖLA 22 (Linz 2011) 321-340
- Cornelia Sulzbacher: Oberösterreich zwischen 1918 und 1938 - Umbrüche und Kontinuitäten anhand der Biographien der Landeshauptmänner, Landesamtsdirektoren und Bezirkshauptmänner. In: Biographien und Zäsuren. Österreich und seine Länder 1918 - 1933 - 1938. Hg. v. Wolfgang Weber und Walter Schuster (Linz 2011) 91-116
- Josef Weichenberger: Wetterschießen in Schärding. In: Der Bundschuh 14 (Ried 2011) 94-102
Öffentlichkeitsarbeit
Einführungs- und Fortbildungsveranstaltungen für Familien- und Hausforschung
Schon immer interessierten sich Menschen für ihre Herkunft. In einer globalisierten Welt gewinnt die Suche nach den eigenen Wurzeln immer mehr Bedeutung. Um Interessierten die nötigen Grundkenntnisse für den Einstieg in die Familien- und Hausforschung zu bieten, evaluiert das Oö. Landesarchiv sein Veranstaltungsangebot regelmäßig und passt es dem sich verändernden Bedarf der Forscherinnen und Forscher an.
Familienforschung
Das Oö. Landesarchiv erleichtert Familienforscherinnen und Familienforschern mit dieser Veranstaltung den Einstieg in die Suche nach den Vorfahren. Im praxisnahen Workshop können die erworbenen Kenntnisse gleich konkret angewendet werden. Im Jahr 2011 hielten Josef Weichenberger und Willibald Mayrhofer fünf Kurse im Oö. Landesarchiv, an denen 47 Personen teilnahmen. Zwei weitere, von Josef Weichenberger geleitete Kurse, die sich vor allem an Pensionistinnen und Pensionisten als Zielgruppe richteten, fanden im Wifi in Linz statt und waren von 29 Interessierten besucht.
Haus- und Hofforschung
Gebäude sind steinerne Zeugen der Geschichte, meist eng verbunden mit den Schicksalen ihrer Eigentümer und Bewohner. Immer mehr Menschen wollen deshalb ein altes Haus nicht nur bewohnen oder besitzen, sondern auch mehr über diese Geschichte "im Kleinen" erfahren. Wie man solche Forschungen beginnt, welche historischen Quellen es dafür gibt und wie man methodisch vorgehen kann, wird in diesem Kurs vorgetragen. Willibald Mayrhofer leitete 2011 drei Kurse für insgesamt 32 Personen.
Kurrentlesekurse
Voraussetzung für den Zugang zu historischen Quellen ist es, alte Schriften lesen zu können. Das Oö. Landesarchiv bietet entsprechende Kurse zum Erlernen der erforderlichen Kenntnisse an. Zu den drei von Josef Weichenberger und Willibald Mayrhofer abgehaltenen Veranstaltungen kamen 33 Personen.
Workshop
Im Rahmen der Ausbildung zum Zertifikat für Heimatforschung fand am 2. Dezember 2011 in Zusammenarbeit mit dem Oö. Volksbildungswerk ein von Josef Weichenberger geleiteter Workshop statt, an dem 16 Personen teilnahmen.
Ahnenforscherclub
Die Volkshochschule Linz und das Oö. Landesarchiv bieten aktiven Familienforscherinnen und Familienforschern im Ahnenforscherclub eine Plattform zum Informationsaustausch und zur Weiterbildung. Zu acht Club-Treffen im Wissensturm kamen im Jahr 2011 insgesamt 136 Personen.
Führungen im Oö. Landesarchiv
(Franz Scharf)
Führungen im Oö. Landesarchiv sind Spaziergänge durch die Zeitepochen der Landesgeschichte. Nach einer allgemeinen Einführung in das Archivwesen, die Aufgaben eines Archivs, die darin geübte Arbeitsweise und seine Bestände wird den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit geboten, hinter die Kulissen unseres Hauses zu schauen. Dabei können auch spezielle Schwerpunkte vereinbart werden.
Franz Scharf führte verschiedene Gruppen (insgesamt 114 Personen) durch das "Haus der Geschichte": von Ferialpraktikantinnen und -praktikanten und Schulgruppen bis zu Angehörigen von Universitätsinstituten und Bediensteten anderer Archive.
Teilnahme am GIS-Day
Der "Internationale GIS-Day" ist ein weltweiter Tag der offenen Tür bei jenen Institutionen in Verwaltung, Wirtschaft und Forschung, die Geographische Informationssysteme (GIS) professionell in unterschiedlichsten Fachbereichen einsetzen. Im Jahr 2011 fand er am 9. November statt.
Das Oö. Landesarchiv nahm an der österreichweit größten Veranstaltung im Landesdienstleistungszentrum in Linz teil. Willibald Mayrhofer und Mag. Peter Zauner präsentierten rund 100 Schülerinnen und Schülern den Franziszeischen Kataster, das "älteste oberösterreichische GIS-System" aus der Zeit von 1823 bis 1830.
Studienfahrt des Historischen Vereines für Steiermark
Mitglieder des Historischen Vereins für Steiermark besuchten im Rahmen einer Studienfahrt nach Linz am 3. Juni 2011 auch das Landesarchiv. Nach einer Einführung in die Geschichte des Archivs von Mag. Peter Zauner hielt Frau Dr.in Cornelia Sulzbacher einen Vortrag über die Entwicklung der staatsrechtlichen Stellung Oberösterreichs. Anschließend führten Direktor Dr. Marckhgott und Mag. Zauner durch die Speicher und Lesesäle. Den Abschluss des Archivbesuchs bildete ein Referat des Direktors des Archivs der Stadt Linz, Dr. Walter Schuster, zur Stadtgeschichte von Linz.
Tagung "Neue Möglichkeiten der Familienforschung über die mitteleuropäischen Grenzen hinweg"
Das Oö. Landesarchiv veranstaltete in Kooperation mit ICARus (International Centre for Archival Research) und dem Archiv des Bistums Passau am 21. Jänner 2011 eine Tagung zur Familienforschung. In einer Reihe von Vorträgen wurden vor allem die neuen Chancen vorgestellt, die das Internet den Forscherinnen und Forschern bietet, wie die digitale Bereitstellung von Matriken aus Bayern, Tschechien und Österreich. Für das Oö. Landesarchivs referierte Dr. Gerhart Marckhgott über Digitalisierungsstrategien und grenzüberschreitende Kooperationen mit dem Bayerischen Hauptstaatsarchiv München.
Tagung "Der Historische Atlas von Bayern - Stand und Perspektiven"
Gemeinsam mit der Kommission für bayerische Landesgeschichte und der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns veranstaltete das Oberösterreichische Landesarchiv am 19. Oktober 2011 in München eine Tagung zum Historischen Atlas von Bayern. Von oberösterreichischer Seite referierten Mag. Gerhard Schwentner zu den Innviertelbänden des Atlas und Dr. Gerhart Marckhgott zum Thema "Das Ende der Grenzen - Archivische Zusammenarbeit als Zukunftsprojekt".*
Unter dem Titel "Über die Grenzen hinweg - der Historische Atlas Innviertel" berichtete Schwentner, dass nach fast zweihundert Jahren der Trennung des Innviertels von Bayern mit dem "Historischen Atlas Innviertel" versucht werde, den Raum westlich wie östlich des Inn als Einheit in historischer Dimension zu begreifen und zu beschreiben. Dem Aufbau des "Historischen Atlas von Bayern" entsprechend werden die 7 Landgerichte, die 1779/1816 österreichisch wurden, hinsichtlich ihrer Entstehung und inneren Herrschaftsstruktur untersucht. Die Arbeiten sollen sowohl den Historischen Atlas von Bayern ergänzen als auch die Geschichte des Innviertels erhellen. Innbayern, wie die östlich des Inn gelegenen Landgerichte genannt wurden, umfasste 2200 km², hatte Anfang des 19. Jahrhunderts rund 120.000 Einwohner und erbrachte eine halbe Million fl. Steuerleistung. Auf 14 % aller Anwesen Kurbayerns erwirtschafteten die Menschen 19 % der Landsteuer. Grundlage der statistischen Teile der Bände bildet die heutige Verwaltungsstruktur (Politischer Bezirk, Gemeinde, Ortschaft). Dabei werden für jedes Anwesen alle Angaben aus der Mitte des 18. Jahrhunderts erfasst (Hoffuß, Grundherrschaft, Niedergerichtsbarkeit) und in DORIS, dem elektronischen Kartensystem des Landes Oberösterreich, lokalisiert. Die Datenbank wird auch im Internet der Haus- und Familienforschung zur Verfügung gestellt werden. Die den Inn überschreitende Bearbeitung führte unter anderem zur Auffindung mehrerer Ortsnamendoubletten, die zur Lokalisierung hochmittelalterlicher Quellen beitragen können.
* Druckfassung siehe Anhang
Personalia und Statistik
Nachruf Alfred Buchberger
Kollege Alfred Buchberger ist am 9. Juli 2011 nach längerer schwerer Erkrankung im 55. Lebensjahr verstorben.
Alfred Buchberger trat am 7. Dezember 1987 seinen Dienst beim Land Oberösterreich in der Zentralregistratur-Mikrofilmstelle an, nachdem er krankheitshalber seinen erlernten Beruf als KFZ-Mechaniker nicht mehr ausüben konnte und in einem Umschulungsprogramm die Bürokaufmannlehre nachgeholt hatte. Am 1. Dezember 2001 ließ er sich zum Oö. Landesarchiv versetzen. Schwerpunkte seiner Tätigkeit im Landesarchiv waren die Bereitstellung von Archivalien und Mikrofilmen im Lesesaal sowie die Digitalisierung von Archivalien und die Anfertigung von Reproduktionen im Auftrag der Benutzerinnen und Benutzer.
Mit ihm verlor das Landesarchiv nicht nur einen liebenswerten und humorvollen Kollegen, sondern auch einen engagierten und hilfsbereiten Mitarbeiter.
Nachruf Harry Slapnicka
(Josef Goldberger)
Am 13. August 2011 verstarb Prof. Dr. Harry Slapnicka, Wegbereiter und unermüdlicher Vermittler der oberösterreichischen Zeitgeschichte, im 93. Lebensjahr.
Er wurde am 29. Oktober 1918 in Kladno in Böhmen als Sohn des Lehrerehepaares Josefine und Karl Slapnicka geboren. Knapp nach seiner Geburt übersiedelte die Familie nach Brüx in Nordwestböhmen, wo der Vater Bezirksschulinspektor für den deutschen Schulbezirk war. Nach dem Besuch der Volksschule (1924-1929) und des deutschen Staatsoberrealgymnasiums (1929-1937) in Brüx, das er mit Auszeichnung absolvierte, folgte bis 1940 ein Studium an der deutschen Karls-Universität in Prag (Rechtswissenschaft, Geschichte, politische Wissenschaft), das er mit der Promotion zum Dr. jur. abschloss. Anschließend wurde er Gerichtsreferendar beim Oberlandesgericht in Prag sowie Regierungsassessor beim Regierungspräsidenten in Aussig, ehe von 1940 bis 1945 der Kriegsdienst (zuletzt als Oberleutnant d. R.) folgte. Nach Kriegsende war er bis September 1946 in amerikanischer und englischer Kriegsgefangenschaft. Im englischen Kriegsgefangenenlager in Rimini leitete er im Rahmen der Gefangenenbetreuung das Referat "Film" und besuchte Geschichtsvorlesungen an der Bellaria-Lagerhochschule.
Ab September 1946 leitete er bis 1955 das Sekretariat der Diözesancaritas in Linz, war dann Ressortleiter Innenpolitik und ab 1961 Chefredakteur der Tageszeitung "Linzer Volksblatt".
1971 übernahm Slapnicka den Aufbau und die Leitung der neu geschaffenen Abteilung "Zeitgeschichte und Dokumentation" am Oö. Landesarchiv. Seine Ausbildung und sein beruflicher Werdegang entsprachen nicht unbedingt dem klassischen Archivarsbild. Zudem war Zeitgeschichte eine noch kaum etablierte Fachrichtung. Aber er hatte seinen Kollegen und Nachfolgern voraus, dass er für den jüngeren Teil seines Arbeitsgebietes nicht nur selbst Zeitzeuge war, sondern dank seiner früheren Tätigkeit auch einen hochkarätigen und weiten Bekanntenkreis mitbrachte, der ihm einmalige Informationen und Zugänge zum zeitgeschichtlichen Geschehen eröffnete. Und schließlich brachte er als Journalist die in Fachkreisen seltene Fähigkeit mit, Forschungsergebnisse zügig und leicht verständlich zu Papier zu bringen und zu veröffentlichen. Slapnicka war als Archivar weitgehend auf sich gestellt, konnte in dem weiten Arbeitsgebiet selbst seine Schwerpunkte setzen und aktiv werden. Er richtete mehrere Dokumentationsbereiche ein, legte besonderes Augenmerk auf die Beobachtung und Auswertung der aktuellen Tages- und Wochenpresse und nahm ein Projekt in Angriff, das ihn nicht mehr loslassen sollte: Die Darstellung der Geschichte Oberösterreichs von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis herauf in die 1950er Jahre. Ein Buch folgte dem anderen, 1974 bis 1986 entstanden nicht nur die fünf ‚klassischen’ Bände über Oberösterreichs Entwick-lung 1861 bis 1955, sondern auch parallel und ergänzend dazu Darstellungen der politischen Führungsschichten, Dokumentenbände und eine eigene Reihe mit Biografien großer Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher.
Slapnickas rastlose Arbeit, seine Bekanntheit und sein Erfolg veränderten das Landesarchiv und zwar nicht nur intern durch die Etablierung der Zeitgeschichte als gleichwertiger Sparte in der wissenschaftlichen Bandbreite und durch die Verankerung dokumentierender, bestandsergänzender Sammlungen, sondern auch in der Außenwahrnehmung. Mit zahllosen Artikeln und Vorträgen schuf der oberösterreichische Zeitgeschichte-Pionier sich und damit auch dem Landesarchiv eine bisher nicht gekannte Öffentlichkeit. Beschäftigung mit der Zeitgeschichte wurde während und dank seiner Tätigkeit in Oberösterreich selbstverständlich. Dies ist kein Zufall, sondern zu einem guten Teil sein Verdienst, dass Oberösterreich heute noch unter den Bundesländern eine Spitzenstellung in der Aufarbeitung seiner jüngeren Vergangenheit einnimmt und dass das Landesarchiv daran immer noch einen entscheidenden Anteil hat.
Statistik (inkl. Webzugriffe)
(Peter Zauner)
Lesesaal:
Zahl der BenützerInnen 768 (Gesamt-)Zahl der TagesbesucherInnen 3964 bestellte Archivalien 5333 bestellte Archivalien + Mikrofilme 7959 Benutzungsentgelte 5056 Bearbeitungsentgelte 3518 Veranstaltungsentgelte 3480
TeilnehmerInnen an Seminaren, Führungen und sonstigen Veranstaltungen 401
Homepage des Oö. Landesarchivs:
Besuche 27.062 Zugriffe 38.124
Präsentationen im Internet (mit Kooperationspartnern):
Urkunden (Zugriffe) ca. 10.000* Pfarrmatriken (Zugriffe) ca. 170.000* Tages- und Wochenzeitungen Besuche 16.434 Zugriffe 473.580 Urmappe des Franziszeischen Katasters Zugriffe 732.675 OÖ. Kulturatlas Zugriffe 103.967
* Schätzung des Betreibers
Anhang
(Gerhart Marckhgott)
Das Ende der Grenzen - Archivische Zusammenarbeit als Zukunftsprojekt
(Kurzfassung eines Vortrages vom 18. November 2011 in München bei der Tagung "Der historische Atlas von Bayern - Stand und Perspektiven")
Vor wenigen Tagen verbreitete sich die Nachricht, dass nächstes Jahr wegen Budgetkürzungen bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 300 von 900 Arbeitsplatzäquivalenten wegfallen würden. Zusammen mit der schon oft beklagten Geldknappheit der geisteswissenschaftlichen Universitätsinstitute und der schon lange schwelenden Krise der historischen Landeskunde ergibt sich ein recht trauriges Bild für die Zukunft unserer Wissenschaft. Diese Feststellung dient nicht dem Bejammern dieser Zustände, sondern sie soll deutlich machen, dass die Situation der freien Historikerinnen und Historiker immer schwieriger wird; die freie Forschung ist existenziell gefährdet. Eine Folge davon ist, dass gerade in Oberösterreich, wo kein 'vollwertiger' Geschichtelehrstuhl besteht, das Landesarchiv noch mehr Verantwortung im Bereich historischer Forschung übernehmen muss als in anderen Bundesländern. Tragfähige Vernetzungen, sowohl wissenschaftlich als auch wirtschaftlich, sind dafür notwendig. Was solche Netzwerke am meisten behindert, sind Grenzen. Ich habe deshalb den Begriff Grenzen als Leitmotiv für meine Ausführungen gewählt.
Staatsgrenzen
Es ist immer noch eine Freude, ohne Aufenthalt und Kontrollen nach München oder nach Třeboň zu fahren. Damit ist - nunmehr schon seit Jahrzehnten - zwar eine Grundvoraussetzung für grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Archive gegeben, aber von selbst tut sich trotzdem nichts. Auch EU-Programme (Europeana, APEnet) und Förderungen können lediglich begünstigende Faktoren sein. Entscheidend sind der Wille, gemeinsam zu arbeiten, die Ideen, welche Projekte entwickelt werden könnten, und der lange Atem, der Kooperationsprojekte auch über schwierigere Phasen am Leben erhält und zum Ziel führt. Wille, Ideen und Tatkraft: drei zutiefst menschliche Faktoren. So sehr sich die politischen und auch technischen Bedingungen verbessert haben, entstehen so doch Kooperationen nicht von selbst. Es braucht die Menschen dazu.
Staatsgrenzen sind etwas relativ Beständiges, sie gehören zu den Faktoren der longe du-rée. Allerdings leidet gerade im Innviertel die Geschichtsforschung darunter, dass sie sich doch manchmal ändern. Wenn eine - noch dazu dauerhafte - Grenzänderung passiert, dann liegen später auch die wesentlichen Quellen in verschiedenen Archiven. Inzwischen ist es zwar weniger zeitraubend, zwischen Linz und München zu pendeln, aber Reisen sind immer noch notwendig; ein Ziel unserer Zusammenarbeit ist ja auch, die Notwendigkeit von Reisen immer weiter zurückzudrängen durch grenzüberschreitende Verfügbarkeit der Quellen.
Damit kommen wir zu einer anderen Art von Grenzen, nämlich den
Projektgrenzen
Ein überaus aktuelles Thema ist - zumindest für uns im Oö. Landesarchiv - die Bereitstellung von Digitalisaten im Internet. Es ist ja inzwischen recht verbreitet, Archivalien zu digitalisieren und dann auf der eigenen Homepage der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen; auf diese Weise bleibt die beruhigende Illusion aufrecht, die Digitalisate - wie früher die physischen Archivalien - unter Kontrolle zu behalten. Tatsächlich aber ist der Preis für diese vermeintliche Sicherheit hoch, denn sie zwingt dazu, sowohl die erforderliche Hard- als auch Software nicht nur bereitzustellen, sondern auch jeweils auf dem neuesten Stand zu halten.
Wir starteten vor 7 Jahren auf unserer Homepage eine Internet-Applikation für jeweils 10 Jahrgänge von 5 Regionalzeitungen, also eine vergleichsweise bescheidene Datenmenge: Alleine der Betrieb des Webspace und der Datenbank kostete so viel, dass wir binnen weniger Jahre auf jährliche Bereitstellungskosten von mindestens 50.000 Euro gekommen wären - eine nicht zu verantwortende Summe. Daraufhin wechselten wir das Geschäftsmodell und schlossen uns Projekten an, die auf kooperative Digitalisierung und unentgeltliche Bereitstellung setzen. Heute haben wir in drei großen Projekten Millionen Seiten online: Urkunden auf MOM (Monasterium), die Kirchenbücher auf matricula und die oberösterreichischen Zeitungen auf ANNO (Austrian Newspapers Online: Projekt der Österreichischen Nationalbibliothek). Die Betriebskosten pro Seite - soferne überhaupt welche anfallen - beschränken sich auf das Hosten und sind leicht zu tragen. Der Preis dafür: Wir sind in diesen Projekten zwar als Partner präsent, der einzelne Benutzer bekommt aber kaum oder gar nicht mit, dass ein bestimmtes Digitalisat, das er gerade aufruft, vom Oö. Landesarchiv stammt. In diesen Projekten sind also die Grenzen zwischen den teilnehmenden Archiven praktisch nicht mehr wahrnehmbar. Dazu muss man allerdings sagen: Wen interessiert das schon?
Nun ist aber dieser gemeinsame, kundenfreundliche Auftritt nicht so einfach. Da gibt es zum einen
Rechtliche Grenzen
Jedes Archiv agiert in einem rechtlichen Rahmen. Standen früher besitz- und seit den siebziger Jahren auch urheberrechtliche Fragen im Vordergrund, so beschäftigen uns seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts mindestens ebenso Fragen der Zugänglichkeit von Archivgut. Bis zu diesem Zeitpunkt waren alle Archivbenutzer im Wesentlichen Bittsteller, denen der Archivträger, öffentlich oder privat, die Einsicht in sein Archivgut gewährte - oder auch nicht. Dieser hoheitliche Ansatz ist heute zwar Vergangenheit, dafür sind durch den Daten- und Persönlichkeitsschutz neue, oft schwierig zu interpretierende Grenzen entstanden. Umgekehrt scheinen jene bisher unangreifbaren Archivgrenzen ins Wanken zu geraten, die sich aus der Amtsverschwiegenheit ableiten, und zwar durch gesetzliche Regelungen zur Informationsfreiheit (bzw. bei uns der Auskunftspflicht). Österreich und Bayern leisten da zwar besonders hartnäckigen Widerstand, dennoch werden auch hier bald einige klassische Archivsperren zu überarbeiten sein. Und schließlich sind in diesem Zusammenhang auch noch die open-government-data-Initiativen zu erwähnen, die ebenfalls unsere rechtlichen Rahmenbedingungen berühren werden - möglicherweise massiver als derzeit noch absehbar. Unerfreulich ist, dass auf rechtlichem Gebiet immer noch Grenzen existieren: Sterbematriken des Jahres 1950 darf ich am linken Innufer einsehen, am rechten nicht - um es plakativ auszudrücken. Da gibt es noch einiges zu tun. Es ist unnötig zu sagen, dass kein Archiv alleine diese Entwicklungen beeinflussen oder gar etwas ändern kann. Ohne vorhergehende interne Meinungsbildung und gemeinsames Auftreten können wir nur hinnehmen, was an anderer Stelle beschlossen wird.
Neben den rechtlichen Grenzen bestehen aber auch
Technische Grenzen
Archivarinnen und Archivare waren lange Zeit der Meinung, alles für die Archivierung Nötige selbst zu können und zu wissen und daher keine Informatikfachleute zu brauchen. Dieser Irrglaube führte zu äußerst disparaten Entwicklungen: Unterschiedliche Strategien, inkompatible Techniken und Strukturen führten zur Entwicklung fast unüberwindlicher Grenzen zwischen Archiven. In den letzten Jahren kehrte sich der Trend um. Damit steigen die Chancen wieder für gemeinsame Projekte, vor allem auch für die Entwicklung forschungs- und kundenfreundlicher Portale. Praktisches Beispiel: Wenn es einem Forschenden gelungen ist, Ranshofener Urkunden auf der Seite des Oö. Landesarchivs zu finden, müsste er auf der Homepage des Bayerischen Hauptstaatsarchivs von vorne zu suchen beginnen, dann in Salzburg, dann in Passau: jedes Mal ein anderer Aufbau, andere Suchmöglichkeiten usw. Was für ein Segen ist dagegen das Urkundenportal MOM, das alle diese Urkunden auf einmal findet und einheitlich anzeigt. Wir bekommen bei einer solchen Suche gar nicht mit, dass die Urkunden aus verschiedensten Servern in ganz Europa zusammengeholt werden. Hier existieren buchstäblich keine Grenzen mehr.
Gerade weil der Historische Atlas ein sehr quellennahes und rechercheintensives Unternehmen ist, lassen Sie mich noch auf einen Punkt hinweisen, den man mit dem Titel
Organisationsgrenzen
versehen könnte. Stellen Sie sich vor, man hätte anlässlich der Verwaltungsreformen in Österreich unter Josef II. und in Bayern unter Montgelas beschlossen, alle nicht mehr benötigten Verwaltungsunterlagen zu vernichten: Dann würde, plakativ ausgedrückt, das "finstere Mittelalter" bis ins späte 18. Jahrhundert reichen und ein Unternehmen wie der Historische Atlas wäre unmöglich. Eine schlicht undenkbare Untat. Und dennoch droht derzeit bei vielen Aktenproduzenten ein vergleichbarer Vorgang. Wir Archivarinnen und Archivare und das Archiv schlechthin werden mit alten Akten assoziiert. Wenn es solche nicht mehr gibt, weil die Verwaltung ja elektronisch läuft, dann brauche man auch das klassische Archiv nicht mehr, denn für die Datenerhaltung sei ohnehin das Rechenzentrum zuständig: Wo sich solche Meinungen durchsetzen, dort ist nicht nur die Existenz der Archive in Gefahr, sondern die langfristige Überlieferung schlechthin. Es ist eine zentrale Herausforderung für die Archive, eine solche Grenze zwischen Produzenten und Archiven erst gar nicht entstehen zu lassen.
Schlüsse
Genug der Grenzen und Gefahren. Welche Schlüsse können wir aus diesen Feststellungen ziehen? Die zentrale Einsicht für alle, die an der historischen Wertschöpfungskette beteiligt sind, kann nur sein: Im Alleingang ist keines dieser Probleme zu lösen. Akquisition, Digitalisierung, Erschließung und Bereitstellung sind heute nur mehr in Kooperation möglich. Es ist also gar keine Frage, ob wir die neue technische und politische Grenzenlosigkeit nützen wollen oder nicht, es ist vielmehr eine Notwendigkeit.
Was sich so leicht sagt, ist in der Praxis nicht immer einfach: quot homines, tot sententiae. Quot archivarii, tot intentiones. Ich denke jetzt weniger an formale Schwierigkeiten, sondern an widerstreitende Interessen und Grundsatzentscheidungen. So etwa setzt jede Zusammenarbeit gewisse Regeln voraus, damit niemand benachteiligt wird. Gerade in wirtschaftlich knappen Zeiten stehen Quantifizierung und Effizienz hoch im Kurs. Besucherstatistik, Hit-Zählung, Einnahmen, Vermarktung = öffentliche Wahrnehmung sind Faktoren, die bei jeder Kooperation berücksichtigt werden müssen. Unter diesen Aspekten ist der Historische Atlas des Innviertels ein Wunder und ein Anachronismus zugleich. Ein Wunder, weil es kaum mehr Geld gibt für die Produktion von wissenschaftlichen Büchern, deren Verkaufszahlen von vornherein sehr überschaubar sind. Ein Anachronismus, weil sich die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse immer weniger auf bedrucktem Papier abspielt, sondern elektronisch, und der Druck in diese Richtung beachtlich ist.
Wir stehen also unter Rechtfertigungsdruck. Wir müssen rechtfertigen, warum es ein Erfolg ist, dass die Benutzerzahlen in den Archiven durch die Bereitstellung von Unterlagen im Internet sinken. Wir müssen auch rechtfertigen, warum sich Investitionen in die Erschließung von Archivgut lohnen, auch wenn niemals ein Deckungsgrad von mehr als einer Handvoll Prozent zu erreichen sein wird. Wir müssen nachweisen, dass auch wir Archive in der Lage sind, Förderungen für Forschungsprojekte zu lukrieren - in bescheidenem Rahmen, aber doch. Und wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Wissenschaft weder um der Wissenschaft willen noch wegen großer Traditionen weiter finanziert werden wird. Letztlich müssen wir wohl lernen, wieder ein Publikum für unsere Ergebnisse zu finden - oder umgekehrt Ergebnisse so aufzubereiten und zu präsentieren, dass ein messbares Öffentlichkeitsinteresse zu verzeichnen ist.
Das schafft kein Archiv alleine, es ist aber auch kein Problem nur der Archive. Wir brauchen dazu Kooperationen und Netzwerke nicht nur im sogenannten BID-Bereich (Bibliothek - Information - Dokumentation), sondern auch mit Museen, Universitäten und historischen Forschungseinrichtungen. Nur in Überwindung staatlicher, institutioneller und technischer Grenzen erreichen wir jene Effizienz und Präsenz, die uns in Zeiten wachsender Konkurrenz um weniger Ressourcen die Weiterarbeit an der Geschichte und für die Geschichte ermöglicht.
(Gerhart Marckhgott)
Archive und Edition - digitale Perspektiven
(Druckfassung eines Vortrages gehalten am 14. März 2011 in Wien im Rahmen der Spring School 2011, Veranstalter ICARUS)
Die folgenden Überlegungen betreffen nicht Editionstechnik im eigentlichen Sinn. Mein Hauptgeschäft ist es, das Oö. Landesarchiv ohne substanzielle Schäden und mit echten Zukunftsperspektiven ins digitale Zeitalter zu führen. Aus dieser praktischen Perspektive möchte ich ein paar Überlegungen anstellen.
Archive und Edition sind 'irgendwie' verwandt, und mit Digitalisierung haben auch beide etwas zu tun. Fangen wir also mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen diesen drei unterschiedlichen Dingen an: einer Einrichtung, einem Projekt und einer Technologie.
Archive
Uns Archivarinnen und Archivare bewegt seit Jahren die Frage: Sollen wir digitalisieren? Wenn ja, was und in welchem Umfang - und was geschieht dann mit den Digitalisaten / digitalen Abbildern? Solche Grundsatzentscheidungen können nicht ohne Reflexion der Kernaufgaben getroffen werden.
Ganz verkürzt dargestellt, kamen wir im Oö. Landesarchiv zu folgenden Schlüssen: Ein Archiv, das nur sammelt und niemanden das Archivgut benutzen lässt, ist eine Altpapiersammelstelle. Sammeln alleine kann nicht oberster Zweck sein. Ein Archiv, das Forschende vor bzw. in nicht erschlossenen Beständen ertrinken lässt, ist ebenfalls sinnlos, denn es entzieht die archivierten Quellen genauso der Benutzung - nur mit anderen Methoden. Also kann auch Bereitstellung alleine nicht oberster Zweck sein. Wir einigten uns deshalb darauf, die Grundaufgabe unseres Archivs in der "Bereitstellung erschlossener historischer Quellen" zu sehen. Voraussetzung dafür - und damit ebenfalls Kernaufgaben - sind das Sammeln, Erhalten und Erschließen des Archivgutes. Das ist nichts Neues und mag trivial klingen, bestimmt aber letztlich Platz und Stellenwert der Digitalisierung in der Gesamtstrategie des Hauses.
Editionen
Ob man Edition als Projekt versteht* oder ob nur das Ergebnis des Projektes, also ein gedrucktes Werk, damit gemeint wird, ist hier egal. Wichtig ist dagegen der Zweck einer (historisch-kritischen) Edition. Es geht darum, Originalquellen durch vertrauenswürdige Informationen beschreibender oder kommentierender Art der wissenschaftlichen Benutzung auf einem öffentlich verfügbaren Medium zugänglich zu machen. (Ich verstehe hier auch die Transkription als beschreibend; darüber kann man sicher diskutieren). Unter diesem Aspekt lassen sich die "Pflichtbestandteile" oder Zwecke einer Edition in folgende Gruppen zusammenfassen:
a) Beschreibung der äußeren Merkmale, also Form und Zustand des Originals b) vollständige oder auszugsweise, buchstabengetreue Wiedergabe des Textes c) inhaltliche Erschließung durch Kopfregest und Register d) wissenschaftlich - kritischer Apparat zur Vermittlung von Entstehungsgeschichte, Literatur und Forschungsstand.
Bei einer klassischen Edition mussten diese vier Bestandteile in optimaler, das heißt letztgültiger Form zu einem bestimmten Zeitpunkt, nämlich dem der Drucklegung, gewissermaßen eingefroren werden - und zwar für "immer". Damit trat ein ganzes Bündel von teils impliziten, teils expliziten wissenschaftlichen Konventionen in Kraft. So gibt es seit etwa 150 Jahren das stillschweigende Einverständnis, bestimmte Editionen als verlässliche Forschungsbasis anzuerkennen: Wer etwa aus Monumenta-Ausgaben zitiert, braucht keine wissenschaftliche Kritik zu fürchten. Das wiederum impliziert eine Menge anderer commitments, z. B. die Anerkennung bestimmter fachlicher Autoritäten, deren Urteil faktisch als verbindlich anerkannt wird. Solche Grundfragen der Geisteswissenschaften sind aber nicht Gegenstand dieses Beitrages, daher zurück zu dem obigen "Zweckebündel", das einer klassischen Edition zugrunde liegt.
Die Digitaltechnik macht es seit etwa zwei Jahrzehnten möglich, dieses Bündel aufzuschnüren. Gleichzeitig verschiebt sich auch die Gewichtung innerhalb des Bündels: Bezüglich der äußeren Merkmale ist ein hochauflösendes Digitalfoto einer noch so genauen verbalen Beschreibung zweifellos überlegen, diese kann daher stark reduziert werden. Der klassische Fußnotenapparat kann durch Annotationen entlastet werden; letztere bieten außerdem wesentlich mehr Möglichkeiten als traditionelle Indices. Dass aktualisierbare Literaturverzeichnisse den gedruckten statischen vorzuziehen sind, liegt ohnehin auf der Hand. Damit kein Missverständnis entsteht: Es geht nicht darum, diese klassischen Editionsbestandteile zu ersetzen, sondern sie durch Adaption an die neue Technik besser nutzbar zu machen. Aus diesen Feststellungen lassen sich fast 1:1 auch die Anforderungen an eine digitale Edition ableiten.
* früher auch gern: "Unternehmen"
Digitalisierung
Es gibt heute in der Archivistik kaum einen Bereich, in dem so viele Missverständnisse möglich sind wie beim Gespräch über Digitalisierung. Entsprechend dem weiten Weg vom Scanner zur professionellen Onlinestellung können wir vier Phasen unterscheiden, die in etwa aufsteigenden Qualitätsstufen entsprechen:
1) Ebenso einfach wie unverzichtbar ist das Scannen, die binäre Codierung analoger Zeichen, ein rein technischer Vorgang ohne inhaltliche Relevanz. Trotz gewisser Qualitätserfordernisse ist Scannen (und "Ins-Internet-stellen") alleine nach meinem Verständnis keine Edition. Ein gescanntes Urkundenbuch im Internet ist zwar eine digitalisierte Edition, aber keine digitale Edition.
2) Die Schrifterkennung, also die maschinelle Interpretation von Schriftzeichen, ist ein ebenfalls stark maschinenunterstützter Vorgang bei digitalisierten Editionen, der allerdings intellektueller Kontrolle und Korrektur bedarf. OCR ist ein wesentlicher, aber natürlich nicht unabdingbarer Schritt zur Qualitätssteigerung der Bereitstellung. Bei digital entstandenen Texten entfällt dieser Schritt logischerweise.
3) Textanalyse durch Strukturierung, Tagging und Annotation stellt den entscheidenden Schritt vom Scannen zum Edieren dar. Das ist immer noch zu 90 % intellektuelle Tätigkeit. Es gibt zwar schon Algorithmen zur Strukturerkennung in Texten, aber die sind in unserem Bereich erst im Erprobungsstadium; im Oö. Landesarchiv haben wir gerade ein solches Projekt mit den Landtagsprotokollen der Zwischenkriegszeit laufen. In dieser dritten Phase besteht praktisch kein Unterschied zur Erarbeitung einer gedruckten Edition.
4) Metadatenextraktion und -verarbeitung stellen gewissermaßen die Ernte nach den Mühen der Phase drei dar. Sind die Strukturen und Schlüsselbegriffe erst einmal markiert, kommen die Möglichkeiten der Maschinenunterstützung voll zum Tragen. Durch dynamische Darstellungsmöglichkeiten und semantische Anreicherung entsteht ein Mehrwert, der jedes gedruckte Buch, aber auch jedes menschliche Gedächtnis um Lichtjahre hinter sich lässt. Auf dieser obersten Qualitätsstufe sind digitale Editionen unschlagbar. Der Wermutstropfen: Leider gibt es noch nicht viel davon.
Nach diesen Definitionen und Erklärungen kann nun die Beschäftigung mit der Frage des Verhältnisses zwischen Archiv, Edition und Digitalisierung beginnen.
Archiv und Edition
Seit Archive für die Benützung geöffnet wurden, sehen sie sich in einem unausweichlichen Konflikt zwischen dem Schutz des Archivgutes und dessen Bereitstellung für die Forschung. Die Forschenden wiederum müssen ins Archiv anreisen und sich den dortigen Regeln - und eventuell auch den Launen der Archivarinnen und Archivare - unterwerfen, um an das Archivgut überhaupt heranzukommen. Je weiter die Archivöffnung fortschreitet, umso schwieriger wird dieser Interessenkonflikt. In diesem Spannungsfeld spielt die Edition eine wesentliche Rolle:
| Archiv |
Edition |
| Beanspruchung des Originals |
Schonung des Originals |
| zeit-/ortsgebundene Bereitstellung |
zeit-/ortsunabhängige 'Bereitstellung' |
| [grds.] mengenunabhängig |
selektiv ("Wichtiges") |
| rudimentäre inhaltl. Erschließung (Regest, kein Register) |
volle inhaltliche Erschließung |
| strukturelle Erschließung (Findbuch/ISAD) |
wissenschaftlich-kritische Erschließung |
Diese Tabelle zeigt die für die Wissenschaft entscheidenden Vorteile einer Edition gegenüber einem "schlichten" Archivbesuch: neben dem konservatorischen Aspekt vor allem die Zeit- und Ortsunabhängigkeit und wissenschaftlich-kritische Erschließung. Hier nicht dargestellt ist eine weitere vorteilhafte Eigenschaft einer Edition, dass nämlich wegen der hohen Auflagenzahl der Inhalt der edierten Stücke so gut wie dauerhaft gesichert ist - irgendein Exemplar wird sich immer noch wo finden.
Diesen Vorteilen stehen allerdings etliche Nachteile gegenüber. Rein praktisch gesehen: Editionen waren und sind immer sehr teuer und stehen deshalb privat nur selten zur Verfügung. Aber es gibt auch erhebliche systemische Nachteile: Eine gedruckte Edition kann immer nur ausgewählte Stücke bringen, der Druck größerer Dokumentenserien oder ganzer Bestände ist aus wirtschaftlichen und praktischen Gründen so gut wie unmöglich. Das hat zur Folge, dass gerade große Bestände des 19. und 20. Jahrhunderts nicht ediert werden können. Unternehmen wie die österreichischen Ministerratsprotokolle oder die Nürnberger Prozesse sind zwar durchaus verdienstvoll, stellen aber gemessen an der Überlieferungsmasse und -breite einen winzigen Bruchteil dar. Das ist einer der Gründe, warum Editionen in der zeitgeschichtlichen Forschung kaum eine Rolle spielen.
Auf regionaler Ebene (und gerade die ist ja für Landesarchive wichtig) ist so etwas überhaupt nicht durchführbar. Damit sind aber gerade jene Bestände von der Editionsmöglichkeit ausgeschlossen, denen das Hauptinteresse der Benutzerinnen und Benutzer gilt. Dieser Umstand mochte relativ egal sein, solange die Archive primär als "Steinbruch" für Forschungen der eigenen Mitarbeiter dienten: Aber diese Zeiten sind vorbei. Ich erinnere an den eingangs zitierten Existenzgrund zumindest unseres Archivs: "die Bereitstellung erschlossener historischer Quellen". Generationen von Fachleuten arbeiteten über 100 Jahre an den elf Bänden des OÖUB - und erschlossen damit einen kleinen Bruchteil unserer Bestände bis 1400. Mit dieser Kosten-Nutzen-Relation ist die Weiterarbeit an gedruckten Editionen - zumindest für Landesarchive - heutzutage nicht mehr vertretbar.
Eine Nebenbemerkung: Der 2008 gefasste Beschluss, uns aus dem Urkundenbuchprojekt zurückzuziehen, ist nicht leicht gefallen, denn es gibt auch eine emotionale Seite der Medaille. Da ist einmal die Haptik, das elementare Gefühl, ein Buch in der Hand zu halten, zu blättern - nicht zu vergleichen mit Google-Recherchen und Starren auf einen Bildschirm. Dazu kommt die Optik: Welcher einigermaßen bildungsaffine Mensch kann sich der Faszination einer mehr oder weniger langen, einheitlich gestalteten und renommierten Buchreihe im Regal entziehen - selbst wenn man schon jahrelang nicht mehr danach gegriffen hat? Dann das großartige, ich würde sogar sagen einmalige Erfolgserlebnis, wenn man das Ergebnis jahrelanger Mühe und akribischer Arbeit in Händen hält: in gewisser Weise ein dauerhaftes Denkmal der eigenen Arbeit, aber auch der eigenen Person. Es ist außerdem ein Zeichen des Vertrauens der "Zunft" in die geleistete Arbeit, zugleich - zumindest in den meisten Fällen - eine Garantie der Wertschätzung in Fachkreisen. Wer verzichtet schon gerne auf das alles - noch dazu in einer Branche, die neben den Naturwissenschaften ohnehin fast nicht mehr als Wissenschaft wahrgenommen wird?
Soviel zur emotionalen Seite des Bücherschreibens und Edierens. Zurück zur Ratio, zur Analyse. Ich habe dargelegt, warum klassische Editionen für ein Landesarchiv heute kein Thema mehr sein können. Aber die Digitaltechnik eröffnet Alternativen, und denen möchte ich mich jetzt zuwenden.
Edition und Digitalisierung
Ich habe vorhin nicht von ungefähr den Zusammenhang zwischen der Bereitstellungsaufgabe der Archive und der Bereitstellungsfunktion von Editionen betont. Genau hier wirkt sich nämlich die Digitalisierungstechnik am massivsten aus.
Editions-Vorstadium
Das Oö. Landesarchiv hat mit Jahreswechsel über 1 Million Seiten oberösterreichischer Pfarrmatriken ins Internet gestellt, weitere werden noch folgen. Wir rechnen mit mindestens 1000 Besuchern pro Tag auf diesen Seiten. In ähnlicher Höhe dürften sich die Besuche in den von uns digitalisierten und auf ANNO zu Verfügung gestellten oberösterreichischen Zeitungen abspielen. Diese Zahlen sind fast unvorstellbar hoch; man stelle sich einen Lesesaal dieser Größe vor - und das Personal dazu! Die Bereitstellung im Internet bedeutet täglich ein paar hundert Benutzerinnen und Benutzer, die eine Leistung des Oö. Landesarchivs in Anspruch nehmen und zum allergrößten Teil zufriedengestellt werden. Dutzende davon (täglich!) hören zum ersten Mal von Landesarchiv und werden vom Forschungsvirus infiziert. Vor einigen Jahren wäre das noch eine Horrorvorstellung gewesen - bei zwanzig zur Verfügung stehenden Arbeitsplätzen; jetzt aber bilden diese virtuellen Benutzerinnen und Benutzer eine wachsende Klientel, die uns vielleicht eines Tages das Überleben als eigenständige Einrichtung sichern wird.
Was haben diese digitalisierten Massenquellen mit Edition zu tun? Zugegeben nicht sehr viel, aber doch etwas. Schauen wir noch einmal auf die Funktionen:
| Archiv |
Edition |
| Beanspruchung des Originals |
Schonung, Sicherung des Originals |
| zeit- und ortsgebundene Bereitstellung |
zeit-/ortsunabhängige Bereitstellung |
| [grds.] mengenunabhängig |
selektiv ("Wichtiges") |
| rudimentäre inhaltl. Erschließung |
volle inhaltliche Erschließung |
| strukturelle Erschließung |
wissenschaftlich-kritische Erschließung |
| im Bestandskontext |
im Selektionskontext |
Immerhin erfüllen diese Online-Pfarrmatriken zwei wesentliche Editionseigenschaften, nämlich die Schonung der Originale (und der Nerven der Pfarrherren als Archivinhaber) und die ubiquitäre Bereitstellung. Der Sicherungsaspekt ist deutlich stärker als bei Druckwerken, der entscheidende Vorteil gegenüber einer (konventionellen) Edition ist aber die (theoretisch) unbeschränkte Kapazität, die bisher nur ein Archiv bieten konnte. Da auch eine - der Natur der Quelle entsprechend flache - strukturelle Erschließung implementiert ist, verbindet das matricula-Projekt genau jene Eigenschaften, die für die Kernaufgabe "Bereitstellung" am relevantesten sind.
Geht man von der Prämisse aus, dass in der Leistungsbilanz virtuelle Besuche den realen gleichzuhalten sind, so stellen solche Projekte ein geradezu ideales, neues Instrument für die Aufgabenerfüllung eines Landesarchvis dar. Wir stehen, ob wir es wollen oder nicht, unter starkem, zahlenorientiertem Leistungsdruck, der auch nach Überwindung der öffentlichen Budgetkrise nicht wesentlich abnehmen wird. Das zu ignorieren, wird sich in absehbarer Zukunft kein größeres Archiv leisten können. Unter diesem Aspekt sind solche Projekte im Editions-Vorstadium geradezu eine cash-cow, die wir hegen und pflegen sollten.
Editionsnahe Projekte
Aber es gibt ja auch wissenschaftlich Anspruchsvolleres. Ein wesentlicher Grund für das Scheitern der Fortführung des OÖUB war, dass zwischen den Befürwortern der gedruckten Urkundenbücher und jenen digitaler Bereitstellung kein Kompromiss gefunden werden konnte. Dahinter stand die Tatsache, dass zu diesem Zeitpunkt in Oberösterreich bereits die Digitalisierung und Veröffentlichung der Klosterurkunden im Rahmen des Projektes monasterium weit fortgeschritten war. Interessanterweise argumentierten beide Seiten damit. Während die Befürworter die Vorzüge und Möglichkeiten von monasterium hervorhoben, sahen die Gegner vor allem Gefahren: die Unzuverlässigkeit und Flüchtigkeit des Internet und digitaler Informationen allgemein, Qualitätsprobleme der veröffentlichten Informationen, deren Veränderbarkeit, nicht zuletzt auch die physische Unsichtbarkeit der Ergebnisse langjähriger Forschungsarbeit und der Medienbruch in einem so altehrwürdigen Unternehmen.
Schauen wir noch einmal auf die Vergleichstabelle:
| Archiv |
Edition |
| Beanspruchung des Originals |
Schonung, Sicherung des Originals |
| zeit-/ortsgebundene Bereitstellung |
zeit-/ortsunabhängige 'Bereitstellung' |
| [grds.] mengenunabhängig |
selektiv ("Wichtiges") |
| rudimentäre inhaltl. Erschließung (Regest, kein Register) |
volle, dynamische inhaltliche Erschließung |
| strukturelle Erschließung |
wissenschaftlich-kritische Erschließung |
| im Bestandskontext |
im Selektionskontext |
Die fett gedruckten zutreffenden Eigenschaften zeigen das enorme Potenzial dieses Unternehmens. Es ist praktisch in der Lage, die Vorzüge beider Seiten in sich zu vereinen.
Eigentlich müsste jetzt noch eine dritte Dimension dargestellt werden, die hierbei eine wesentliche Rolle spielt: die Zeit. Denn im Unterschied zur klassischen Edition, bei der zum Zeitpunkt der Drucklegung alle Komponenten in möglichst perfekter, weil später nicht mehr veränderbarer Form vorliegen müssen, kann bei der digitalen Edition der Qualitätsgrad einzelner Bereiche über die Zeit wachsen. So können etwa im Fall oberösterreichischer Urkunden für die Erstveröffentlichung durchaus die Transkriptionen des alten Urkundenbuches herangezogen werden - nach dem Motto: besser als nichts. Es können auch Urkundenscans veröffentlicht werden, von denen vorerst nur die elementarsten Metadaten bekannt sind; wieder: Besser als nichts.
Wunsch 1
Will allerdings ein Unternehmen wie monasterium den Charakter einer "Edition in progress" für sich beanspruchen (im Unterschied zum Editions-Vorstadium der Pfarrmatriken), müssen freilich noch weitere Bedingungen erfüllt werden. Eine davon ist die Qualitätssicherung der kollaborativ eingebrachten Ergebnisse: Dieser Bereich ist in MOM voraussichtlich mit dem Moderatorensystem recht gut gelöst. Vielleicht ist es ein Charakteristikum neuerer Editionen, dass ihre Qualität nicht mehr von wissenschaftlichen Übervätern, sondern von Kollektiven garantiert wird.
Ich glaube aber, andere Desiderate zu erkennen: So weit ich weiß, bleibt es dem Zufall oder der Privatinitiative Einzelner überlassen, welche Urkunden wann editorisch bearbeitet werden. Das ist zwar vielleicht sub specie aeternitatis erfolgversprechend, sollte aber unter uns Sterblichen doch zielorientierter geregelt werden. Eine Edition zeichnet sich ja unter anderem dadurch aus, dass sie planmäßig erstellt und bearbeitet wird. Ähnliches gilt auch für die Aktualisierung des kritischen Apparates; wenn schon digitale Editionen den Vorteil der kontinuierlichen Verbesserung bieten, dann muss dieser Vorteil auch verlässlich und nachvollziehbar genutzt werden. Das sind zwar noch recht unausgegorene Ideen; nichtsdestotrotz könnte es sich lohnen, in diese Richtung weiter zu denken. Um nicht missverstanden zu werden: MOM ist für mich mit Abstand das mächtigste und interessanteste Projekt im Bereich der mitteleuropäischen Diplomatik. Aber gerade deshalb ist es die Sache wert, möglichst konsequent und systematisch die klassische Editionsqualität anzustreben.
Wunsch 2
Zum Abschluss noch ein Aspekt, ebenfalls nicht wirklich ausgereift, aber wohl doch überlegenswert. In allen größeren Archiven werden derzeit Archivinformationssysteme implementiert mit dem erklärten Ziel einer flächendeckenden, systematischen Erfassung und Erschließung des gesamten Archivgutes. Seit Jahren bemühen wir uns, den Standard ISAD(G) zu begreifen und umzusetzen.
Zu meiner Verblüffung stellt sich nun heraus, dass gerade jene Verzeichnisse, die ich für die schlampigsten bzw. benutzerunfreundlichsten hielt, am ISAD-konformsten sind, nämlich jene nach dem Schema: "Schachtel 1: I a - e, Schachtel 2: I f, II a - d" und so weiter. Wenn man nach dem Grund für dieses Paradoxon fragt, stößt man schnell auf des Pudels Kern: ISAD betrifft die Erschließungsstruktur, aber kaum den Inhalt der Beschreibung und noch weniger dessen Qualität. Nun ist Struktur - vor allem beim derzeitigen Stand der maschinengestützten Informationsverwaltung - zweifellos ein zentrales Erschließungselement, aber doch beileibe nicht das wichtigste.
Bei diesem Stand der Überlegungen stehen einander zwei Prinzipien gegenüber: auf der einen Seite die reine Lehre des ISAD, der hierarchisch aufgebaute, überwiegend rezente Massenbestände beherrscht, auf der anderen Seite die reine Lehre der Editionstechnik, die Einzelstücke aus wenig strukturierten, überschaubaren und überwiegend älteren Beständen im Fokus hat. Wäre nicht der Versuch spannend, die beiden Prinzipien in einer Matrix zu verbinden? Ich bin überzeugt, dass die Strukturlastigkeit der aktuellen Erschließungsmethoden eine temporäre Erscheinung ist, ausgelöst einerseits durch die späte "Entdeckung" rezenter, stark gegliederter Bestände, andererseits durch das Bedürfnis der EDV nach 1:n-Beziehungen und ihre Probleme mit Sinn und Bedeutung. Beides wird sich in wenigen Jahrzehnten ändern. Dann wird für die Erschließung unseres klassischen, handgeschriebenen und auch dann noch immer nicht maschinenlesbaren Archivgutes die Qualität der Inhaltsbeschreibung entscheidend sein, denn jede noch so intelligente Auswertung kann sich nur auf die maschinenlesbaren Metadaten stützen: "garbage in - garbage out" wird auch in hundert Jahren noch gelten.
Digital entstandenes Archivgut wird seine Strukturdaten schon ins Archiv mitbringen; ISAD wird dann vielleicht nur mehr eine auf wenigen Metadaten basierende, relativ simple Darstellungsanweisung unter vielen sein. Da hier auch die Inhaltsdaten maschinenlesbar sind, werden automatische Inhaltsanalysen und Auswertungen möglich sein, die das intellektuelle Erstellen von Regesten und sonstigen Erschließungsmitteln weitgehend ersetzen können. Also keine Aufgaben mehr für eine "digitale Editionstechnik"? Ich denke doch, denn es gibt zum Beispiel eine Unzahl von Möglichkeiten, die Ergebnisse einer Datenanalyse darzustellen. IT-Fachleute können kaum feststellen, welche davon aus fachlicher Sicht sinnvoll sind; umgekehrt kennen nur die wenigsten Historikerinnen und Historiker die technischen Möglichkeiten, und so sind Missverständnissen und Fehlinterpretationen Tür und Tor geöffnet. Hier sehe ich ein Aufgabengebiet für eine künftige Editionstechnik digitalen Archivgutes. Ich vermute aber, dass es noch einige mehr geben wird. Genug der Zukunftsträume.
Statt einer Zusammenfassung zitiere ich aus einer Traditionsarenga des 12. Jahrhunderts: "Quia more torrentis transeant tempora et cum temporibus memoria, scripto mandamus" - ein Lob der Schriftlichkeit, die nicht Selbstzweck ist, sondern einem höheren Zweck dient: "notum sit omnibus". Das ist der Hauptzweck, der Existenzgrund unserer Archive: die Bewahrung von Informationen über Individuen und Zeiten hinweg - mit den besten und fortschrittlichsten Möglichkeiten und Methoden der jeweiligen Zeit. Hätten die Mönche des 12. Jahrhunderts das Internet gehabt, sie hätten es zweifellos als ideales Werkzeug für ihre Zwecke benutzt. Das sollten auch wir tun.
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