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Jahresbericht 2009

| Einleitung | Organisation und Bau | Projekte und Bestände | Öffentlichkeitsarbeit und Publikationen | Personalia und Statistik |

Icon - Sprung zum Seitenanfang Einleitung

Im Unterschied zu den Vorjahren kann das Berichtsjahr 2009 endlich einmal wieder als normales Arbeitsjahr bezeichnet werden. Die ursprünglich enttäuschende Ablehnung jener beiden Projekte, an denen das Landesarchiv engagiert gewesen wäre, durch die Intendanz des Kulturhauptstadtjahres hat dazu geführt, dass - gewissermaßen im Windschatten der 09-Projekte - im Landesarchiv 'normale' Arbeit verrichtet werden konnte: Bestandspflege und Benutzerservice. Während auf ersterem Gebiet jahrelange Arbeitsrückstände in Angriff zu nehmen waren, so begann in letzterem Bereich eine Beruhigung und Konsolidierung, die nach den tiefgreifenden Änderungen seit 2005 dringend notwendig war. Es ist erfreulich zu erleben, dass der "digitale Lesesaal" die erhoffte Akzeptanz sogar bei jenen Benutzerkreisen findet, die den EDV-Arbeitsplätzen anfänglich überaus skeptisch gegenüber standen. Auch für die MitarbeiterInnen sind die extremen Belastungen der Umstellungszeit einem Normalbetrieb gewichen, dessen immer noch vorhandene Schwachstellen in den kommenden Jahren ohne Zeitdruck analysiert und behoben werden können. Erste Rationalisierungserfolge durch die Umstellung auf digitale Bereitstellung wurden im Berichtsjahr spürbar. Es ist jedoch schwierig, dies in den herkömmlichen statistischen Kennzahlen erkennbar zu machen; Leistungsmessung und -darstellung im digitalen Umfeld sind wichtige Herausforderungen der nächsten Jahre.

Durch die Veranstaltung des 35. Österreichischen Archivtages und des dritten Oberösterreichisch - südböhmischen Archivtages konnte sich das Landesarchiv auch im überregionalen Rahmen erfolgreich präsentieren und dazu beitragen, dass Linz als europäische Kulturhauptstadt von der Fachkollegenschaft Mitteleuropas sehr positiv wahrgenommen wurde.
Einmal mehr stellten wir uns heuer die Frage, ob es denn noch sinnvoll sei, in Zeiten elektronischer Leistungserfassung und digitaler Kommunikation weiterhin diesen traditionellen Jahresüberblick zu verfassen und einem immer kleiner werdenden Interessentenkreis zur Verfügung zu stellen. Gerade die letzten Jahre haben uns aber gezeigt, wie wertvoll die jährlichen Tätigkeitsberichte als Fundgrube für Daten und Motive lange zurückliegender Entscheidungen und Entwicklungen sind. Deshalb legen wir auch heuer wieder diese Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse und Veränderungen vor in der Absicht, damit auch späteren Generationen einen guten Dienst zu erweisen.

G. Marckhgott

Icon - Sprung zum Seitenanfang Organisation und Bau

Im Berichtsjahr wurde wieder ein wesentlicher Schritt der Runderneuerung unseres Gebäudes abgeschlossen. Schon seit Jahren wurde von der Feuerpolizei moniert, dass die baulichen Brandschutzmaßnahmen nicht mehr dem aktuellen Standard entsprächen. Insbesondere die Verbindungstüren zwischen dem Stiegenhaus des Verwaltungstraktes und dem Speichertrakt sowie der beide Gebäude verbindende Liftschacht bildeten nach heutigem Kenntnisstand latente Gefahrenstellen. Nach ersten Vorarbeiten 2008, die auch dem Praxistest der geplanten Lösung dienten, wurden nun im Verwaltungstrakt in jedem der vier Obergeschoße eine der beiden Verbindungstüren sowie die Lifttüre in Leichtbauweise verschlossen (wofür nicht nur Brandschutz-, sondern auch Kostengründe den Ausschlag gaben) und der nunmehr einzige verbliebene Speicherzugang mit normgerechten, neuen Brandschutztüren versehen. Die übrigen speicherseitigen Aufzugtüren (Keller und 5. bis 7. OG) wurden durch eine Art vorgelegter Schleuse (Leichtbauwände mit Brandschutztüren) ebenfalls so abgesichert, dass der Aufzugschacht im Brandfall keine Gefahrenquelle mehr darstellt.

Bergbauarchiv Ampflwang (Außenstelle)

Einen in der Geschichte des Oö. Landesarchivs außerordentlichen Glücksfall stellt das Projekt "Bergbauarchiv Ampflwang" dar. Für die Landesausstellung 2006 "Kohle und Dampf" wurde als eines der wichtigsten architektonischen Relikte des Braunkohlebergbaues der Brecher Buchleiten adaptiert (Betonskelettbau 1925), wobei die Kubatur zwischen der obersten (ehemalige Anlieferung, Ausstellungsbereich) und der untersten Ebene (Abtransport der gebrochenen = zerkleinerten Kohle, jetzt Veranstaltungsbereich der Gemeinde Ampflwang) vorerst ungenutzt blieb. Bald wurde die Idee geboren, in den teilweise fensterlosen, gegen jahreszeitliche Temperaturschwankungen weitgehend geschützten und trockenen Räumen ein Archiv einzurichten, in dem die umfangreichen schriftlichen Überreste des traditionsreichen Kohlebergbaues im oberösterreichischen Hausruckviertel untergebracht werden könnten. Dabei ging es nicht nur darum, die Depots des Landesarchivs in Linz zu entlasten, sondern vor allem auch um die Rückführung der Archivalien an den Ort ihrer Entstehung, bilden sie doch einen wesentlichen Bezugpunkt der bergmännischen Tradition, von der die Gegend um Ampflwang und ihre Bevölkerung immer noch geprägt ist.

Im Berichtsjahr wurden im Zwischengeschoß des Brechers neue Böden eingezogen, die Raumstruktur adaptiert und alle Voraussetzungen für die optimale Lagerung und Nutzung der Bestände WTK (Wolfsegg-Traunthaler-Kohlenwerks AG) und SAKOG (Salzach-Kohlenbergbau-Gesellschaft, Zentrum Trimmelkam) geschaffen. Der größere Depotraum bietet auf Stellagen Lagerfläche für mehrere Hundert Laufmeter Akten, der kleinere wurde mit Kartenschränken für den großen Bestand an Bergkarten ausgestattet; hier sollen als Katastrophenvorsorge in der Folge auch noch die Original-Mikrofilme des Oö. Landesarchivs untergebracht werden. Ein Anlieferungsraum sowie ein Büro- und Benutzungsraum werden die Bearbeitung und Benutzung der umfangreichen Bestände ermöglichen. Der schon 1995 übernommene Teil der Bestände wurde zum Jahreswechsel 2009/10 aus dem Linzer Depot nach Ampflwang übersiedelt, wobei sich die Mitarbeiter des Landesarchivs - einmal mehr - durch weit überdurchschnittlichen Einsatz und Engagement auszeichneten. Die inzwischen erfolgte Liquidierung des Nachfolgebetriebes der WTK machte die Übernahme weiterer Unterlagen möglich, sodass hier sicher eines der vollständigsten Bergbauarchive Mitteleuropas entstand.

Mit dem Bergbauarchiv hat das Oö. Landesarchiv neben der Dokumentationsstelle Hartheim eine zweite, vollwertige Außenstelle. Die Ordnung, Bearbeitung und Erschließung der umfangreichen Materialien wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Bis dahin steht das Archiv nur angemeldeten BenutzerInnen offen, weil eine ständige personelle Besetzung von Linz aus nicht möglich ist; dank der guten Zusammenarbeit mit der Marktgemeinde Ampflwang und den örtlichen Knappenvereinen wird dies aber kein unlösbares Problem darstellen.

EDV-Entwicklung

Ein Arbeitsschwerpunkt der EDV-Abteilung lag in der Übernahme riesiger Datenmengen in das bestehende System und in deren Organisation und Aufbereitung für die Benutzer. Allein die Pfarrmatriken benötigen dabei einen Speicherplatz von mehr als 15 TB. Das Mengengerüst der digitalisierten Pfarrmatriken stellt sich nun folgendermaßen dar: 1.072.000 Bilder der Pfarrmatrikenduplikaten 1819-1940 (1 TB), 1.329.000 Bilder der katholische Pfarrmatriken (14,3 TB) und 86.000 Bilder der evangelischen Pfarrmatriken (1 TB).

Um bei der Bereitstellung der stark anwachsenden elektronischen Bestände Engpässen bei der Benutzung zuvorzukommen, wurde die Zahl der PC-Arbeitsplätze im Lesesaal um acht erweitert, sodass aktuell 16 Personen auf das lokale Netzwerk des Oö. Landesarchivs zugreifen können.

Weitere Kapazitäten hat das Oö. Landesarchiv in die Digitalisierung und Erschließung von Quellen investiert, die im Internet im Rahmen größerer Projekte durch Kooperationspartner präsentiert werden. Es handelt sich dabei um die in Oberösterreich erschienenen Tages- und Wochenzeitungen, von denen die ersten digitalen Bestände im Laufe des Jahres 2010 der Zeitungssite der Österreichischen Nationalbibliothek verfügbar sein sollen (www.anno.onb.ac.at) und um mittelalterliche und frühneuzeitliche Urkunden, die im Rahmen einer virtuellen mitteleuropäischen Urkundensammlung auf www.monasterium.net bereitgestellt werden.

Icon - Sprung zum Seitenanfang Projekte und Bestände

Im Auftrag des Oö. Landesarchivs wurde im Berichtsjahr erstmals eine flächendeckende Erhebung aller Archive in Oberösterreich vorgenommen. Voraussetzung hiefür war eine österreichweit verbindliche Definition des Begriffes Archiv, die von der Konferenz der Landesarchivdirektoren im April 2009 in Linz beschlossen wurde:

" Ein Archiv umfasst schriftliche, bildliche oder audiovisuelle Unterlagen vorwiegend mit Unikat-Charakter, die inhaltlich strukturiert und erschlossen sind und zu Verwaltungs-, Dokumentations- oder Forschungszwecken langfristig erhalten und zugänglich gemacht werden."

Auf Basis dieser Definition wurden im Rahmen eines Werkvertrages 678 Archive in Oberösterreich erhoben, davon 417 Pfarrarchive (die vom Diözesanarchiv betreut werden). Die 261 weltlichen und Ordens-Archive wurden in Erfüllung des Bundesarchivgesetzes 1999 (§ 4, 1) dem Archivregister des Österreichischen Staatsarchives gemeldet. Zugleich dient die Archivliste dem "Verbund oberösterreichischer Archive", der als Verein im Oö. Landesarchiv angesiedelt ist, als Adressenpool für die Kontaktierung des Zielpublikums.

Die Kooperation mit der Gesellschaft für Landeskunde (Musealverein) zur Fortsetzung des "Urkundenbuches des Landes ob der Enns" wurde wegen tiefgreifender Auffassungsunterschiede über Ziele und Arbeitsweise offiziell beendet. Das Oö. Landesarchiv wird die Digitalisierung, Erschließung und Bereitstellung der einschlägigen Urkunden im Rahmen des Monasterium-Projektes weiterführen.

Aus ähnlichen Gründen hat sich das Landesarchiv aus der Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Landeskunde und dem "forum oö. geschichte" zur Weiterführung der "Bibliographie zur oberösterreichischen Geschichte" zurückgezogen.

"Oberösterreich 1918 - 1938"

Im Februar 2009 erhielt das Oö. Landesarchiv vom Landeskulturreferenten Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer den Auftrag, ein vom oberösterreichischen Landtag in Auftrag gegebenes Großprojekt "Oberösterreich 1918 bis 1938" zu planen und in die Wege zu leiten. Um einerseits den wissenschaftlichen Charakter dieses Projektes zu unterstreichen, andererseits aber auch die (partei)politische Akzeptanz der Ergebnisse zu gewährleisten, wurden die Klubs der im Landtag vertretenen Parteien von uns eingeladen, Historiker ihres Vertrauens zu benennen, die das Projekt als Team ("Kommission") begleiten sollen. Diese Kommission, bestehend aus Univ. Prof. Dr. Peter Becker (Linz), Prof. Dr. Helmut Fiereder (Linz), Univ. Prof. Dr. Lothar Höbelt (Wien), Dr. Brigitte Kepplinger (Linz), Dr. Gerhart Marckhgott (Linz), Univ. Doz. Dr. Martin Moll (Graz), Univ. Prof. Dr. Michael Pammer (Linz), Univ. Prof. Dr. Roman Sandgruber (Linz) und Univ. Prof. Dr. Josef Weidenholzer (Linz), konstituierte sich im Frühjahr 2009. Die Vorbereitungen der im Herbst durchgeführten Landtagswahlen verhinderten allerdings vorerst die Fassung eines Landtagsbeschlusses zur Festlegung des zeitlichen und finanziellen Projektrahmens.

Historischer Atlas des Innviertels

Ein geradezu historisches Projekt konnte in Zusammenarbeit mit dem Verein ICARus (als Organisator), der Kommission für Bayerische Landesgeschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und dem Diözesanarchiv Passau auf den Weg gebracht werden. Im Rahmen des EU-Förderprogrammes "Ziel Europäische Territoriale Zusammenarbeit" wird das Oö. Landesarchiv zusammen mit der o. a. Kommission von freien Mitarbeitern die Geschichte bzw. Geschichtsquellen des Innviertels erheben und bearbeiten lassen. Als formales Vorbild dient das altehrwürdige Unternehmen des "Historischen Atlas von Bayern", das sich der "abtrünnigen" altbayrischen Gebiete östlich des Inn bisher nicht annahm. Umgekehrt war es für (ober)österreichische Wissenschafter bisher wegen der auf München konzentrierten Quellenlage nur schwer möglich, regionale Forschungen im bzw. zum Innviertel zu betreiben.

Neben den geplanten Atlas-Bänden, die gemeinsam von der Bayrischen Akademie und dem Oö. Landesarchiv herausgegeben werden, ist ein besonders nachhaltiges Ergebnis dieses Projektes die Digitalisierung vieler das Innviertel betreffender Quellen im Münchner Hauptstaatsarchiv. Diese werden nicht nur den am Projekt beteiligten Wissenschaftern, sondern (auf der Homepage des Bayrischen Hauptstaatsarchivs) allen interessierten oberösterreichischen ForscherInnen zur Verfügung stehen. Mit diesem Projekt ist neben der bereits traditionellen, engen Zusammenarbeit mit den Südböhmischen Archiven ein weiterer, wichtiger Schritt zur Überwindung der alten nationalstaatlichen Grenzen auf dem Gebiet der historischen Landeskunde gelungen.

Archivtage

Am 10. und 11. September 2009 fand turnusmäßig der 35. Österreichische Archivtag in Linz statt. Veranstaltet vom Verband Österreichischer Archivarinnen und Archivare, lagen Vorbereitung und Organisation beim (regional zuständigen) Oö. Landesarchiv. Nachdem schon der Festsaal des Ursulinenhofes reserviert war, musste nach dem Großbrand im Mai kurzfristig ein anderer Tagungsort gefunden werden, was dank dem freundschaftlichen Entgegenkommen der Oö. Landesmuseen (Dir. Dr. Peter Assmann) rasch gelang: mit dem Veranstaltungssaal im neuen Südflügel des Schlosses stand uns nicht nur ein optimal dimensionierter, sondern auch funkelnagelneuer und dank seiner Lage überaus attraktiver Tagungsort zur Verfügung.
Unter dem Motto "Das Ende der Beschaulichkeit" hörten rund 150 TeilnehmerInnen, darunter auch VertreterInnen ausländischer Verbände und Archive, die einschlägigen Fachvorträge (publiziert im Scrinium) und konnten in den Pausen auch das neue Museum und seine Schausammlungen bewundern. Besonders zu vermerken ist, dass der gebürtige Linzer Univ. Prof. Dr. Karl Brunner am Linzer Archivtag seinen letzten Vortrag als Direktor des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung hielt. Zu einem besonderen Erlebnis wurde der abendliche Empfang des Landes Oberösterreich im Steinernen Saal des Landhauses, als Landtagspräsidentin Angela Orthner als Hausherrin zu später Stunde noch persönlich die Gäste durch den Sitzungssaal des Landtages, die Repräsentationsräume des Landhauses und die Minoritenkirche führte. Mit einer Sonderbeilage zum oberösterreichischen "Kulturjournal" über Archive wurden nicht nur die TagungsteilnehmerInnen, sondern auch ca. 20.000 oberösterreichische InteressentInnen erreicht.

Nach einer kurzfristig notwendig gewordenen Verschiebung fand am 5. November des Berichtsjahres der dritte oberösterreichisch-südböhmische Archivtag im Oö. Landesarchiv statt. Weil nach wie vor Zweisprachigkeit nur bei den tschechischen KollegInnen gegeben ist, stellte die entsprechende Vorbereitung der Tagung eine besondere Herausforderung dar. Durch die Übersetzung aller Manuskripte schon im Vorfeld (publiziert im Scrinium), den Einsatz zweier Beamer und dank der Hilfe einer routinierten Dolmetscherin gelang es einmal mehr, die Sprachbarriere fast vergessen zu machen. Besonders interessant für die rund 50 TeilnehmerInnen war die Diskussion über Rolle und Aufgaben der Archive in der aktuellen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation, weil damit ein Grundpfeiler gemeinsamen Verständnisses erstmals grenzüberschreitend angesprochen wurde. Um dieses Verständnis auch in der Praxis zu fördern, wurde auch die Wiederaufnahme des gegenseitigen ArchivarInnen-Austausches vereinbart.

Der oberösterreichisch-südböhmische Archivtag bot auch den idealen Rahmen für die Rückgabe eines Archivbestandes, der in den Wirren des Kriegsendes 1945 in Linz 'gestrandet' war. Die "Sammlung Huyer" umfasst Unterlagen und Materialien des Budweiser Stadtarchivars Reinhold Huyer (1850-1928), die keinen Bezug zu Linz und Oberösterreich aufweisen, für Budweis dagegen wesentliche heimatgeschichtliche Informationen bieten. War es in Zeiten des Eisernen Vorhanges durchaus sinnvoll, diesen Bestand auf der westlichen Seite für eventuelle InteressentInnen bereit zu halten, so halten wir es in Zeiten der EU für naheliegend, in diesem speziellen Fall der Provenienz in ebenso bescheidenem wie symbolträchtigem Umfang Rechnung zu tragen.

Generalrevision

(Josef Goldberger)

Vor nunmehr knapp zehn Jahren wurden die Bestände des Oö. Landesarchivs elektronisch in einer Datenbank (Standortverzeichnis) erfasst. Neben Standort und Typ (Schachtel, Handschrift, Faszikel, Urkundenschachtel) bzw. Anzahl der Archivalieneinheiten pro Bestand wurden mehr oder weniger als Nebenprodukt der Erfassung auch zufällig beobachtete "Mängel" bei den Beständen in die Datenbank aufgenommen. Dies geschah jedoch wenig systematisch. Dort eine fehlende Faszikelschnur, da eine nicht vorhandene Bezettelung.

Seither sind neue Bestände dazugekommen, alte Mängel wurden behoben, neue Mängel sind aufgetreten. Zeit für eine neue, diesmal systematische Bestandsaufnahme, die als Basis für eine ab nun kontinuierliche Bestandspflege dienen soll. Wir begannen also - aufbauend auf die erwähnte Vorarbeit - 2009 mit einer Generalrevision der über 900 Bestände des Landesarchivs. 30.000 Laufmeter Schriftgut, aufgeteilt auf sieben Speicherstockwerke, sollten quantitativ und qualitativ neu erfasst werden:

1) Zählung der nahezu 200.000 Archivalieneinheiten und genaue Zuordnung zu Bestand und Standort. Während bei der ersten Erfassung der Standort in Bezug auf einen Bestand festgestellt wurde, bezieht sich bei der jetzigen Revision der Standort auf die Archivalieneinheit, was eine detailliertere und regalgenaue Lokalisierung ermöglicht.

2) Neuerhebung und systematische Erfassung der Mängel nach Kategorien, damit Behebungschancen und -dringlichkeiten sowie Folgerelevanzen der Mängel für Standort- und Bestandsverzeichnisse besser abgeschätzt werden können.

Mängel-Kategorien:

Neben einem Dringlichkeitsvorschlag bei der Behebung eines Mangels wurde explizit auch festgestellt, ob der jeweilige Mangel relevant ist für das Standortverzeichnis und/oder das Bestandsverzeichnis (Grundlage für Nachfolgeprojekt "Generalrevision der Verzeichnisse").

3) Bindung der Mängel nicht nur an den Bestand, sondern auch an den genauen Standort (Regal). Dazu musste, ehe man die neuen Ergebnisse in die Datenbank aufnehmen konnte, die Mängelerhebung im früheren Standortverzeichnis völlig neu überarbeitet werden. Bei der ersten Erfassung wurden nämlich die Mängel an die Bestände gekoppelt. Bei großen Beständen hatte das zur Folge, dass ein Mangel, der nur an einer einzigen Schachtel an einem einzigen konkreten Regal festgestellt wurde, im Standortverzeichnis über viele Regale (über den ganzen Bestand eben) hin aufscheint. Nun aber sollten die Mängel nicht mehr nur an Bestände, sondern an konkrete Orte (Regale) festgemacht und somit punktgenau lokalisiert werden. Diese höheren Ansprüche setzten klarerweise auch eine komplexe Adaptierung der Datenbankstruktur voraus. An der Generalrevision haben vierzehn KollegInnen mitgearbeitet. Die Ergebnisse wurden auf Grundlage von Datenbankberichten vorerst handschriftlich festgehalten. Die Endredaktion des neuen Standortverzeichnisses ist in Arbeit.

 

Herrschaftsarchiv Hagenau

(Stefan Hubinger)

Das Archiv der Herrschaft Hagenau wurde am 28. Oktober 2008 als Depositum des Schlossherrn Dr. Norbert van Handel vom oberösterreichischen Landesarchiv übernommen.

Als erste namentliche Nennung des Hagenauer Geschlechts taucht Hartwicus de Hagenowe als Zeuge in der 1088 verfassten Gleinker Urkunde auf, im Zuge derer Bischof Altmann von Passau einen Tauschkontrakt mit dem Markgraf Otaker von Steyer bezeugt. Nach wechselvollem Schicksal gingen am 1. Jänner 1828 folgende Herrschaften, Landgüter, Dominikal-Gülten, Zehenten und untertänige Realitäten der Herrschaft durch Kauf an Freiherrn Paul Anton von Handel: die Hofmark Hagenau, die Hofmark Stern, die Hagenauer und Sternischen Lehenuntertanen, die Hofmark Hub, einzelne Gülte zu Hub und Stern, der zum k. k. Pfleggericht Mauerkirchen untertänige Zehent zu Weng, die Heuwiese unter der Herrschaft Pogenhofen und der erbrechtbare Zweidrittelzehent des Spitalamtes Braunau. Der Freisitz Grünau war schon 1827 durch Kauf an die Freiherren von Handel gekommen. 1842 schließlich verkaufte Gräfin Anna von Geldern die Hofmark Pogenhofen, den Edelsitz Schweikersreith sowie den Zehent zu St. Peter an Paul Anton Freiherrn von Handel.

Das Herrschaftsarchiv Hagenau umfasst 214 Handschriften (16.-20. Jh.), 114 Schachteln Akten (15.-20. Jh.) sowie 10 Urkunden (1609-1793). Unter den Handschriften sind ein umfangreicher Bestand an Briefprotokoll- und Rechnungsbüchern bemerkenswert. Trotz der Umwandlung der Hofmarksgerichte in Patrimonialgerichte zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind in den Verwaltungsstrukturen keine wesentlichen Änderungen festzustellen. Ein Teil des herrschaftlichen Aktenbestandes dürfte ursprünglich in zwei Archivkästen untergebracht gewesen sein. Diese zentralisierte (Original-)Ordnung orientierte sich an inhaltlichen Kriterien und folgte dem bekannten Schema Kasten - Fach - Band - laufende Aktennummer.

Da sich auf einem Teil der Archivalien bis ins frühe 19. Jh. unterschiedliche Signaturen befinden, war bei der Bestandsgeschichte von verschiedenen, auf die jeweiligen Hofmarken und (Edel-)Sitze beschränkte Ordnungs- bzw. Registraturarbeiten auszugehen. Der vom Verwalter Johann Stephan Schwab erstellte "Cathalogus der Freiherrlich Huberischen Hofmarksregistratur" orientiert sich an Schriftgutgattungen (Stück- und Salbücher, Briefsprotokolle, Verhörsprotokolle, Amtsrechnungen, Verifikationsbeilagen etc.), die verfasserlose Conscription der zur Hofmark Haizing gehörenden Scripten wiederum ist nach einem schlichten Nummerierungsprinzip aufgebaut. Etwa 1817 wurde ein Ordnungsversuch unternommen, welcher einen Teil der Schriftstücke aller Hofmarken und Edelsitze umfasst. Im weiteren Verlauf des 19. Jh. dürfte der Bestand dezimiert worden sein, vielleicht beim Verkauf der Herrschaft Anfang 1828. Einzig die Briefprotokollsreihen, Kirchenrechnungen und einige wenige Aktenreihen weisen eine durchgehende Nummerierung auf. In der ersten Hälfte des 20. Jh. begann man, den Bestand einer neuerlichen Ordnung zu unterziehen. Die auf Karteikarten erfassten Archivalien wurden in 50 Schubern zusammengefasst.

Die Sachgruppen- und Reihungsstruktur des nunmehrigen Verzeichnisses wurde vom letzten und höchstwahrscheinlich größten Ordnungsversuch des 19. Jh. übernommen, es gliedert sich in große Sachgruppen und enthält sowohl signierte wie auch unsignierte Archivalien. Der Bestand umfasst 214 Handschriften, 10 Urkunden und 113 Schachteln, das Verzeichnis ist auf der Homepage des Landesarchivs zu finden.

 

Digitalisierung der oö. Pfarrmatriken

(Josef Weichenberger)


Schon seit Jahren klagen ForscherInnen, dass Recherchen in den Originalen der Pfarrmatriken immer schwieriger würden, weil viele Pfarrämter nicht mehr regelmäßig besetzt seien und viele chronisch überlastete Pfarrer oft für solche Anliegen einfach kein Ohr hätten. Auch Berichte (und Gerüchte) von Matrikenbüchern, die auf Flohmärkten zum Verkauf stünden oder schlicht nicht mehr auffindbar seien, mehrten sich. Die Sorge um die Erhaltung dieser einmaligen, unersetzlichen und für die Familienforschung äußerst wichtigen Quellen bewog das Landesarchiv, Möglichkeiten zur Digitalisierung zu suchen, um im Interesse der Landesgeschichte wenigstens die Erhaltung der Informationen sicherstellen zu können.

Nach Ausräumung verschiedener Bedenken konnte ab 2006 in Zusammenarbeit mit dem Diözesanarchiv Linz eines der umfangreichsten Projekte abgewickelt werden, die das Landesarchiv jemals in einem Zug durchführte. Ziel war es, von allen oberösterreichischen Pfarren die älteren Matrikenbücher vom Beginn der Aufzeichnung bis 18201 sowie die Namensregister zu scannen.

Die Umsetzung startete im Juni 2006. Bei den Pilotpfarren Enns, Kronstorf und St. Florian ging es vor allem darum, die Anforderungen der unterschiedlich großen und dicken Bücher an den Scanner zu testen und ein System 'sprechender' Dateisignaturen zu entwickeln, das den Praxisanforderungen gerecht wird. Es zeigte sich, dass es 37 verschiedene Typen von Matrikenbüchern gibt, angefangen vom normalen Tauf-, Trauungs- und Sterbebuch über Sammelbände, die beispielsweise Hochzeiten und Begräbnisse enthalten, bis hin zu Taufbüchern unehelicher Kinder, Indexbücher, Militär- und Krankenhausmatriken, etc. Jedes Buch bekam einen Einlagezettel mit der Signatur, sodass eine eindeutige Zuordnung gegeben ist.

Bis Sommer 2009 wurden von 414 katholischen Pfarren die Matrikenbücher abgeholt, digitalisiert und wieder zurückgebracht. Anschließend konnten auch noch - Dank einer spontanen Kooperation mit der Evangelischen Superintendentur A.B. Oberösterreich - die Matriken von 43 evangelischen Pfarren digitalisiert werden. Als im Oktober 2009 das Projekt endete, waren bei 100 Fahrten 28.000 km zurückgelegt worden. Das Gewicht aller transportierten 10.896 Matrikenbücher, die in Aluminiumboxen treppauf treppab geschleppt wurden, ist statistisch nicht erfasst, aber die vielen Tonnen haben den Projektmitarbeitern manche Rückenschmerzen verursacht. In Summe wurden eineinhalb Millionen Scans (= Bilder) hergestellt (katholisch 1.329.518, evangelisch 86.096).

Dass sich der beträchtliche personelle, finanzielle und technische Aufwand lohnt, fand im Laufe des Projektes vielfache Bestätigung. Der Zustand vieler Matrikenbücher ist durch die (jahrhundertelange) Benutzung sehr schlecht. Nun können die Originale geschont werden, weil die Aufzeichnungen den Familienforschern als Foto auf einem Bildschirm im Lesesaal des Oö. Landesarchivs zur Verfügung stehen. Und es wird wohl nicht mehr viele Jahre dauern, bis diese Quellen auch mittels Internet den InteressentInnen in aller Welt zugänglich gemacht werden.

 

 

1 Die Matriken von 1819 bis 1940 stehen im Landesarchiv schon seit Jahrzehnten in Form von (auch mikroverfilmten)Abschriften zur Verfügung.

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Erinnerungen an Sibirien

(C. Sulzbacher)

In der Reihe "Quellen zur Geschichte Oberösterreichs" des Oberösterreichischen Landesarchivs erschien im November mit Arnold Hackls "Erinnerungen an Sibirien. Memoiren aus der Gefangenschaft 1914-1920" der siebte Band.

Arnold Hackl geriet als 21jähriger im November 1914 nach der Schlacht bei Podzamcze-Pilica in russische Kriegsgefangenschaft, verbrachte mehrere Jahre in einem Gefangenenlager in Sibirien und kehrte erst 1920 in seine Heimat zurück. Anlässlich der Geburt seiner Tochter begann er 15 Jahre später seine Erlebnisse in Russland aufzuzeichnen. Nach dem Tod Hackls gingen die Manuskripte in den Besitz seiner Tochter, Frau Dr. Ilse May, über, die sie nunmehr einem breiten Publikum zugänglich machte. Der Linzer Historiker Mag. Alexander Smutni transkribierte und kommentierte die in Kurrentschrift verfassten Aufzeichnungen.

Sie reichen von Hackls Erinnerung an den Tag, an dem er von der Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares in Sarajevo erfuhr, bis zu seiner Heimkehr nach Oftering 1920. Er schildert seine eigene Kriegseuphorie zu Beginn des Weltkrieges, die aufgrund der Erlebnisse an der Front relativ schnell Ernüchterung Platz machte, seine Gefangennahme, den langen Bahntransport nach Sibirien und das Leben im Lager. 1917 von den Bolschewisten für "frei" erklärt, war ihm der Heimweg wegen der Wirren des russischen Bürgerkriegs versperrt. Als Nachhilfelehrer, Leichenbestatter und Arbeiter in einem Krankenhaus verdiente er sich die folgenden Jahre seinen Lebensunterhalt. Erst 1920 konnte Hackl aufgrund eines Abkommens zwischen der Tschechoslowakischen Legion und den Bolschewisten auf dem Seeweg von Wladiwostok über Hongkong und Colombo nach Österreich zurückkehren.

A. Hackl, Erinnerungen an Sibirien. Memoiren aus der Gefangenschaft 1914-1920; 256 Seiten, ISBN 978-3-900313-94-4
19,90 Euro

 

Während 2008 dem Archiv wegen des Jahresthemas "90 Jahre Oberösterreich" besondere mediale Aufmerksamkeit beschert wurde, war 2009 durch die Nichtbeteiligung am Kulturhauptstadtprogramm ein besonders ruhiges Jahr.

Im Berichtsjahr wurde das Veranstaltungsprogramm ausgesetzt, um es zu evaluieren und dabei auch auf jene einschlägigen Angebote abzustimmen, die in den letzten Jahren von anderen Einrichtungen neu entwickelt wurden. Bei der Evaluierung wurde besonders darauf geachtet, dass einem höheren Vorbereitungsaufwand auch eine entsprechende Breitenwirkung und Nachhaltigkeit gegenüber steht. Auch organisatorische Erfahrungen waren zu berücksichtigen, insbesondere die Notwendigkeit von jederzeit einsatzbereiten Vertretungen für Vortragende.

Das Landesarchiv sieht es nicht als seine Aufgabe, ein möglichst breites, quasi volksbildnerisches Veranstaltungsprogramm anzubieten. Es geht vielmehr darum,

1) ForscherInnen das nötige "Handwerkszeug" (Lesefertigkeit, Methodik) für ihre Arbeit im Archiv zu vermitteln und
2) abgeschlossene Projekte und deren Ergebnisse (Forschungsprojekte, Publikationen) der interessierten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Auf der Basis dieser Überlegungen wurde für den ersten Schwerpunkt ein neues Seminarprogramm entwickelt, das mit gleichen Inhalten mehrjährig durchgeführt wird, sodass ständig Verbesserungen aus der Praxis einfließen können. Das Programm bietet jeweils einen Einführungs- und Praxisteil für Familien- und Hausforschung sowie den klassischen Kurrentlesekurs. Als ergänzende Angebote, die nur bei konkretem Bedarf genutzt werden, sind Workshops für spezielle Forschungsfragen bzw. -gebiete und Führungen im Landesarchiv zu verstehen.

 

Erlebte Geschichte - 90 Jahre Oberösterreich erzählt von seinen Menschen

(C. Sulzbacher)

1918 wurde aus dem Erzherzogtum Österreich ob der Enns das Bundesland Oberösterreich. Anlässlich der 90jährigen Wiederkehr dieses Ereignisses waren die Bürgerinnen und Bürger des Landes dazu aufgerufen, ihre Erinnerungen an die letzten 90 Jahre für eine Landeschronik der besonderen Art zur Verfügung zu stellen. Ziel war es, die Geschichte Oberösterreichs seit 1918 aus den ganz persönlichen Blickwinkeln der Menschen, die diese Zeit erlebt haben, zu erzählen.
178 Personen sandten Berichte, Fotos, Zeitschriften und Dokumente ein. Zusätzlich ersuchte die Abteilung Presse prominente Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher wie Leopold Engleitner, Gertrud Fussenegger und Käthe Recheis um eine Schilderung ihrer Kindheits- und Jugenderinnerungen. Aufgabe des Landesarchives bei diesem Kooperationsprojekt mit der Abteilung Presse war es, die eingelangten Unterlagen auf ihre historische Genauigkeit hin zu überprüfen. Korrigiert wurden lediglich historische Details wie die Namen von Politikern oder die Daten historischer Ereignisse. In die oft sehr persönliche Erzählweise und die von den eigenen Erfahrungen geprägten Blickwinkel auf die Vergangenheit wurde nicht eingegriffen.

Von der Abteilung Presse ausgewählt, umfasst die Publikation Texte und Fotografien von insgesamt 150 Oberösterreicherinnen und Oberösterreichern, sowie 26 Prominenten. Sie wurde am 20. März 2009 bei einer feierlichen Präsentation im Steinernen Saal des Linzer Landhauses von Landeshauptmann Dr. Pühringer der Öffentlichkeit vorgestellt.

 

Amerikanische Industriepolitik in

(G. Steininger)

Kurt Tweraser, em. Professor für Politikwissenschaft der University of Arkansas (USA), erforscht seit Jahren wissenschaftlich die amerikanische Nachkriegsbesatzung in Oberösterreich, seiner früheren Heimat - also die Zeit zwischen 1945 und 1955. Bereits 1995 erschien - herausgegeben vom Oö. Landesarchiv - sein erster Band zur US-Militärregierung in Oberösterreich. Darin ging es um die Sicherheitspolitik, um die Grundzüge der amerikanischen Österreich-Planung, die Tätigkeit der Militärregierung, den Aufbau und die Kontrolle einer oberösterreichischen Landesregierung, die Entnazifizierungspolitik sowie um die Kontrolle der Justiz durch die amerikanische Besatzungsmacht.

Nun hat Professor Tweraser den zweiten Band dieser Reihe mit dem Schwerpunkt Industriepolitik vorgelegt. Die österreichischen Politiker und Ökonomen sahen demnach nach 1945 zwei wirtschaftspolitische Optionen: einerseits eine Betonung der Grundstoffindustrie im Rahmen der Verstaatlichung und zentralen Lenkung der in der NS-Zeit neu gebauten oder weiter ausgebauten Werke der Schwerindustrie und der Elektrizitätsindustrie. Andererseits eine Rückkehr zu dem von Klein- und Mittelbetrieben dominierten Wirtschaftssystem, das die Finalindustrien favorisierte. Die Entscheidungsträger stellten mit Hilfe von Verstaatlichung und Marshallplan die Weichen in Richtung Grundstoffindustrie, was etwa eine PKW-Produktion in Steyr verhinderte, während die VOEST der große Nutznießer war.

Anhand der VOEST AG und der Steyr-Daimler-Puch AG unterzieht Tweraser den Einfluss der amerikanischen Besatzungsmacht auf die wirtschaftspolitischen Optionen und deren Realisierung zwischen 1945 und 1952 einer eingehenden Analyse und Beurteilung. Sowohl auf amerikanischer wie auch auf österreichischer Seite kam es zu erbitterten Grabenkämpfen zwischen verschiedenen Interessen. Was im unkritischen Rückblick als absichtsvoll und geradlinig erscheint, war ein mühsamer Prozess. Besondere Konfliktpunkte waren dabei das so genannte Deutsche Eigentum, die Eisen- und Stahlplanungen, die strategischen Entscheidungen über Produktlinien in Linz und Steyr, die andauernden Managementkrisen und die Finanzierung der nötigen Investitionen. Die politisch-wirtschaftliche Stabilisierung Österreichs als geopolitisches Ziel und damit die 'Eindäm-mung' des Kommunismus erzwangen die amerikanische Anerkennung von politisch-ökonomischen Formen, die für die USA selbst undenkbar waren.

Kurt Tweraser, US-Militärregierung Oberösterreich 1945-1950, Band 2 Industriepolitik; 624 Seiten, ISBN 978-3-900313-99-9
29 Euro

 

Internierungslager "Glasenbach"

(G. Steininger)

Als zweites "Nachkriegs"-Buch wurde 2009 das Werk Camp Marcus W. Orr - "Glasenbach" als Internierungslager nach 1945 von Oskar Dohle und Peter Eigelsberger präsentiert.

Von Herbst 1945 bis August 1947 bzw. Jänner 1948 wurden im "Camp Marcus W. Orr" - allgemein "Lager Glasenbach" genannt - von der US-Besatzungsmacht tausende Nationalsozialisten, Funktionsträger des NS-Regimes sowie Angehörige von Wehrmacht und SS interniert. Ab Frühjahr 1947 arbeiteten dort die US-Stellen intensiv mit österreichischen Behörden bei der Verfolgung möglicher Kriegsverbrecher zusammen.

Die Tatsache, dass rund zwei Jahre lang am Stadtrand von Salzburg ein Lager für tausende ehemalige Nationalsozialisten bestand, fand aber lange kaum Niederschlag in der wissenschaftlichen Literatur. Von einigen wenigen Aufsätzen abgesehen, widmeten sich nur die gedruckten Erinnerungen ehemaliger Internierter von "Camp Marcus W. Orr" diesem Thema. Selbst die genaue Situierung dieses Internierungslagers blieb in vielen Darstellungen unklar, denn entgegen einem bis heute weit verbreiteten Irrtum befand es sich nicht in Glasenbach (Gemeinde Elsbethen), sondern im Süden der Landeshauptstadt Salzburg zwischen Alpenstraße und Salzach.

Nun wurde in einem Gemeinschaftsprojekt der Landesarchive von Oberösterreich und Salzburg erstmals die Geschichte dieses Lagers, in dem auch viele Oberösterreicher/innen inhaftiert waren, umfassend erforscht und dargestellt. Neben Dokumenten aus in- und ausländischen Archiven und aus Privatbesitz bildeten vor allem die Schilderungen von Zeitzeugen eine wesentliche Quelle für die Darstellung der Lebens- und Haftbedingungen.

O. Dohle - P. Eigelsberger, Camp Marcus W. Orr. "Glasenbach" als Internierungslager nach 1945; 440 Seiten,
ISBN 978-3-900313-98-2, 26 Euro

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Landesarchivdirektor i. R. # w. Hofrat Dr. Alois Zauner

(K. Rumpler)

Am 18. November 2009 verstarb unerwartet im 85. Lebensjahr w. Hofrat Dr. Alois Zauner, Direktor des Oö. Landesarchivs von 1979 bis 1989.

Er wurde am 25. April 1925 als Sohn des Landwirtsehepaares Johann und Maria Zauner in Rottenbach bei Haag am Hausruck, pol. Bezirk Grieskirchen, geboren. Er verließ 1943 die damalige Oberschule in Ried im Innkreis mit dem Reifevermerk und studierte nach Kriegsdienst und Gefangenschaft ab 1945 in Innsbruck Geschichte und Geographie. In Wien wurde er 1949 zum Dr. phil. promoviert und absolvierte ab 1948 als ordentliches Mitglied den 45. Ausbildungskurs des Institutes für Österreichische Geschichtsforschung. Am 1. Dezember 1950 trat Dr. Zauner als wissenschaftlicher Archivar in den Dienst des Oö. Landesarchivs, das er von 1979 bis 1989 als Direktor leitete.

Als Archivar betreute Dr. Zauner u. a. die Gemeindeheraldik. Seinem umfassenden Fachwissen und oft auch seiner Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass in unserem Bundesland die Gemeindewappen auf wissenschaftlich gesichertem Boden stehen. Zu seinen ersten Aufgaben als Archivar hatte die Ordnung des Stadtarchivs Vöcklabruck gehört; ein Ergebnis dieser Tätigkeit war schließlich 1971 die fast 900 Seiten umfassende Darstellung "Vöcklabruck und der Attergau". Dr. Zauner verfasste zahlreiche weitere Arbeiten zur oberösterreichischen Landesgeschichte, wobei der Schwerpunkt auf dem Mittelalter lag: hervorzuheben sind die Beiträge über die Urkunden der ehemaligen Benediktinerklöster Garsten und Gleink, über das Zisterzienserstift Wilhering und das Augustiner-Chorherrenstift St. Florian.

Aber auch das Landesarchiv selbst hat dem Wirken Dr. Zauners viel zu verdanken: so war er eng in die Planung des 1971 eröffneten Neubaues in der Anzengruberstraße eingebunden und in seine Zeit als Landesarchivdirektor fallen die ersten Schritte für die Einführung der EDV im Archiv.

Seine verdienstvolle Tätigkeit sowohl als Archivar als auch als Landeshistoriker fand vielfache Würdigung: 1983 erhielt Hofrat Dr. Zauner die Kulturmedaille der Stadt Wels in Gold, 1991 das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und 1992 die Wissenschaftsmedaille der Stadt Linz. Trotz dieser Ehrungen blieb Dr. Zauner ein stiller und bescheidener Mensch, der von sich und seiner Arbeitsleistung nie viel Aufhebens machte. Für seine Mitarbeiter im Landesarchiv war Hofrat Dr. Zauner ein großzügiger, toleranter Vorgesetzter, der auf ein ruhiges, angenehmes Arbeitsklima größten Wert legte und durch sein ausgleichendes Wesen viel dazu beitrug. Das Oö. Landesarchiv hat seinem Direktor Dr. Zauner viel zu verdanken und wird sein Andenken in Ehren halten.

# Gerhard Aigner

(Willibald Mayrhofer)

Nach langer schwerer Krankheit ist am 28. Juli 2009 unser Kollege Gerhard Aigner im 54. Lebensjahr verstorben. Herr Aigner war als gelernter Offsetdrucker von 1973-1977 bei der Fa. Draschny in Linz tätig, bevor er 1977 in den Landesdienst zur Amtsdruckerei wechselte. Nach der Betriebsauflösung der Amtsdruckerei wurde Gerhard Aigner am 1. Dezember 1994 dem Oö. Landesarchiv dienstzugeteilt und war im Repro- und Aushebedienst tätig. Durch große Umsicht und Engagement zählte Aigner bald zu den unverzichtbaren Stützen unseres Serviceteams.

Gerhard Aigner war durch Hilfsbereitschaft, Tatkraft und seine liebenswürdige, humorvolle Art ein sehr beliebter Kollege und Freund. Die MitarbeiterInnen des Oö. Landesarchivs werden Herrn Gerhard Aigner ein ehrendes Andenken bewahren.

 

Frau Gabriele Greslehner, die schon bisher im Reinigungspersonal des Landesarchivs tätig war, hat ab 23. März die Aufgaben von Kollegen Aigner übernommen. Neu zum Reinigungsteam kam mit 11. Mai Frau Gerlinde Mittermayr, während Frau Michaela Schöller den Landesdienst mit 30. September kündigte.

 

Statistik

Unter Hinweis auf die Vorbemerkungen zur Statistik im Jahresbericht 20081 folgen hier die entsprechenden Zahlen für 2009:

Zahl der BenützerInnen: 953
(Gesamt-)Zahl der Tagesbesucher2: 4950
ausgehobene Archivalien: 7322
ausgehobene Mikrofilme: 4394
Reproduktionen: 13.208

Fortbildungsveranstaltungen fanden 2009 nicht statt (s. o.).

 

 

1 Schwierigkeit der Erhebung aussagekräftiger Zahlen v. a. im digitalen Bereich
2 Mit Abschluss des Umbaues wurde die Trennung zwischen den Lesesälen aufgegeben.

2009

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2008

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2007

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2006

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2005

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2004

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1997-2003

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1896-1996

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